Artikel 4 / 30 — 19.11.2025
Wiener Staatsanwaltschaft erhält brisantes Material
Wiener Staatsanwaltschaft erhält brisantes Material
Weltweiter, 991 Seiten umfassender Bericht über unangemessene Behandlung wurde über Jahre zurückgehalten – er soll vor allem Helmut Kutin schwer belasten
19.11.2025
Helmut Kutin war Präsident von SOS-Österreich und selbst Kinderdorf-Kind. Ein neu bekannt gewordener Bericht belastet ihn nun schwer.
Gequälte Kinder im SOS-Kinderdorf Moosburg in Kärnten. unangemessene Behandlung im Tiroler Kinderdorf Imst. Ein alter, reicher Mann, dem man für Spenden erlaubte, in nepalesischen Kinderdörfern zu schlafen, wo er mindestens neun Buben unangemessener Behandlung unterworfene – einen Jugendlichen flogen die Verantwortlichen für ihn sogar extra nach Niederösterreich ein. Und dann auch noch Hermann Gmeiner, der vielfach geehrte, zum Übervater stilisierte Gründer der Organisation: Auch er hat kleine Kinder unangemessener Behandlung unterworfen.
SOS-Kinderdorf-Österreich war heimisches Kulturgut mit blendendem Ruf. Nach den Falter-Recherchen wurde die Länder-Organisation sogar von SOS-Kinderdorf-International, der globalen Dachorganisation, ausgeschlossen. Im Hintergrund schwelt schon lange Streit. Grund dafür ist der sogenannte ISC-Bericht. ISC steht für „Independent Special Commission“, ein 991 Seiten langes Ergebnis einer umfassenden, weltweiten Untersuchung.
Öffentlich zugänglich ist bisher nur ein 260 Seiten langer Bericht. Aufgrund von Daten- und Opferschutz sind sämtliche Namen anonymisiert, Details gibt es keine.
Nun will aber SOS-Kinderdorf-International den ganzen Bericht der Staatsanwaltschaft Wien übergeben. "Es ist ein wichtiger Schritt, um unser Bekenntnis zu Transparenz und Rechenschaftspflicht zu demonstrieren", heißt es von SOS-Kinderdorf International gegenüber dem Falter.
Die Staatsanwälte in Wien dürften jedenfalls einiges zu tun bekommen.
Denn das Papier soll nach Falter-Informationen hochrangige Funktionäre der Organisation schwer belasten, etwa Helmut Kutin: Nachfolger von Hermann Gmeiner, selbst Kinderdorf-Kind, Präsident von SOS-Österreich und International, vielfach geehrt und ausgezeichnet, 2024 verstorben.
Doch fast niemand in der Organisation kennt das Papier. Nur die einzelnen Senats-Mitglieder der SOS-Mitgliedsstaaten konnten für einen kurzen Zeitraum auf das Dokument zugreifen – durften aber niemandem etwas darüber erzählen. Sie mussten eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen.
Laut Falter-Informationen enthält der Bericht stichhaltige Indizien, dass sich Kutin immer wieder schützend vor Täter von unangemessenen Handlungen stellte und es im Wissen von Übergriffen verabsäumte, die Kinder zu schützen. Insider sprechen von „Unterlassung“.
Zu einem der genannten Fälle, dem des mit unangemessenem Interesse an Minderjährigen niederösterreichischen Großspenders, hat der Falter bereits vor zwei Wochen eine Recherche veröffentlicht. Laut Informanten, die den ISC-Bericht einsehen konnten, ist das nicht der einzige Vorwurf gegen Kutin in dem Papier.
Dass es den ISC-Bericht überhaupt gibt, ist SOS-Kinderdorf Norwegen zu verdanken. Der Länder-Ableger der Organisation hatte von sich aus Vorwürfe gegen „hochrangige Funktionäre des Verbandes“ prüfen lassen – und anschließend Druck auf SOS-Kinderdorf-International gemacht, eine weltweite unabhängige Untersuchung durchzuführen.
Ein Team von Experten und Sonderermittlern, kurz ISC-Kommission, legte ihren Bericht im Jahr 2023 dem Senat von SOS-Kinderdorf vor.
Falter-Informationen zufolge hatte auch der damalige Österreich-Vertreter die Möglichkeit, auf den vollständigen Bericht zuzugreifen. „Wir hatten lediglich zeitlich begrenzte Einsicht in ausgewählte, für den sogenannten Spenderfall relevante Auszüge“, schreibt die Gründernation heute auf ihrer Website.
Trotz der Hinweise auf grobes Fehlverhalten von Helmut Kutin wollte SOS-Kinderdorf-International dem Mann, der damals noch lebte, die Ehrenpräsidentschaft nicht aberkennen. Ganz im Gegenteil. Bei der Hauptversammlung im Jahr 2023 in Innsbruck wurde Kutin sogar geehrt. Die Fraktion seiner Anhänger hatte sich durchgesetzt und ihn geschützt.
Und das, obwohl der ISC-Bericht deutlich gemacht habe, „dass Kutin seine Ehrenpräsidentschaft nicht behalten sollte. Wir verfassten einen Entwurf für eine Resolution, die ihm diesen Titel entziehen sollte“, schreibt SOS-Kinderdorf Norwegen auf Anfrage des Falter. Eine Resolution sei zwar verabschiedet worden, jedoch in abgeänderter Form – ohne Namensnennungen und nur mit Bezug auf hochrangige Funktionsträger.
Österreich hat laut Falter-Informationen gegen die Aberkennung gestimmt. Auch Kutins österreichische Ehrenpräsidentschaft blieb bis zu dessen Tod aufrecht. Im Dezember 2023 informierte SOS-Kinderdorf seine Mitarbeiter darüber, dass der Aufsichtsrat sich gegen eine Aberkennung entschieden hat - und zwar auf Basis eines eigens beauftragten Berichts.
Der Hintergrund: Die Gründer-Nation wollte die Sache selbst in die Hand nehmen.
Als Reaktion auf die ISC-Kommission von SOS-Kinderdorf-International hatte SOS-Kinderdorf-Österreich 2021 die ICC-Kommission (Independent Childprotection Commission) initiiert. Sie stand unter der Leitung von Waltraud Klasnic, Ex-ÖVP-Politikerin und Opferschutz-Anwältin. Die österreichischen Untersuchungen sollten den internationalen wohl zuvorkommen.
Der 150 Seiten dicke Klasnic-Bericht, den SOS-Kinderdorf 2023 veröffentlichte, behandelt Fälle von unangemessenen Handlungen in Bosnien-Herzegowina, Nepal, Peru, Sri Lanka und Uganda. SOS-Kinderdorf feierte seine vermeintliche Transparenz. In Wahrheit ist es ein Stück weich gewaschenes Papier, wie Falter-Recherchen nahelegen.
Sowohl der ICC-Bericht als auch die Vertuschungsstrategie von SOS-Kinderdorf Österreich verschweigen die Mitwisserschaft von Kutin.
Damit dürfte nun Schluss sein.