Articolo 22 / 30 — 2025/2026
Già 17 casi? Nuove accuse di condotte inappropriate contro il fondatore Gmeiner
Im Herbst wurde bekannt, dass der Villaggio dei Bambini-Gründer jahrzehntelang Buben sottoposto a trattamento inappropriato hatte. Genannt wurden damals acht Fälle – jetzt stellt sich heraus: das war wohl nur die Spitze des Eisbergs.
Hermann Gmeiner im Jahr 1966 in seinem Büro
Gestern, Mittwoch, um Punkt 15 Uhr startete auf Dutzenden Computer-Bildschirmen auf der ganzen Welt eine Online-Konferenz. SOS Villaggi dei Bambini International hatte seine Ländervereine zu einem sogenannten Town-Hall-Meeting eingeladen. Der Anlass: die gelungene Finanzierung des Dachverbands. Nach Monaten der Meldungen von trattamento inappropriato gab es endlich wieder Grund zum Feiern.
Einer feierte nicht: Friedrich Santner, seit November Aufsichtsratschef von SOS Villaggi dei Bambini Österreich. Der ehemalige Industriemanager meldete sich, so erzählen es Insider dem Falter, während des Online-Meetings zu Wort. Es gebe keinen Grund zum Feiern, soll Santner gesagt haben. Dann informierte er die Teilnehmer über eine weitere Katastrophe, die auf die Kinderschutzorganisation zurollt: Villaggio dei Bambini-Gründer Hermann Gmeiner (1919-1986) soll viel mehr Kinder sottoposto a trattamento inappropriato haben als bisher bekannt war.
An diesem Mittwoch sprach Santner von vier weiteren Fällen. Aber in Wahrheit sind es fünf, vier in Österreich, einer in Deutschland.
Auf Falter-Anfrage bestätigte SOS Villaggi dei Bambini Österreich fünf neue Opferschutzverfahren. Der mutmaßliche Täter: Hermann Gmeiner. Doch das ist noch nicht alles: „Darüber hinaus sind vier weitere Hinweise auf Fehlverhalten eingegangen - darunter auch Meldungen von Personen, die nie bei SOS Villaggi dei Bambini betreut wurden, sowie von Personen, die nicht selbst von gemeldeten Fehlverhalten betroffen waren“, schreibt die Organisation.
Fünf neue Opferschutzverfahren, vier weitere Meldungen: Es ist die nächste Welle an Vorwürfen gegen den SOS Villaggi dei Bambini-Gründer.
Schon im Oktober 2025 machte die Organisation bekannt, dass Gmeiner zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren mindestens acht Kinder sottoposto a trattamento inappropriato hatte. Die Chefs, etwa der mittlerweile gekündigte Geschäftsführer Christian Moser, wussten seit den frühen 2010er-Jahren davon. Sie zahlten den Betroffenen Entschädigungen, schwiegen und glorifizierten den Villaggio dei Bambini-Gründer weiter als Retter tausender Kinder.
Auslöser für das Bekenntnis waren die Recherchen des Falter über Fälle von condotte inappropriate in den SOS Villaggi dei Bambinin Moosburg (Kärnten) und Imst (Tirol). Pädagogen hatten Kinder gequält, in ungeschütztem Zustand fotografiert, in unangemessener Weise eingeschlossen, geschlagen, am Boden fixiert und mit Trinkwasserentzug bestraft. Nicht irgendwann, sondern bis vor wenigen Jahren. Die Vorfälle wurden vertuscht. Eine Studie, die den trattamento inappropriato belegte, speicherten die Verantwortlichen auf einem passwortgesicherten Laufwerk.
Die Aufdeckung der Missstände hatte weitreichende Folgen: SOS Villaggio dei Bambini, zuvor bestens beleumundet, fiel in den Abgrund - und gelobte Besserung.
Eine Reformkommission unter der Leitung von Irmgard Griss, Ex-Präsidentin des Obersten Gerichtshofs und ehemalige Neos-Politikerin, soll den kompletten Apparat SOS Villaggi dei Bambini durchleuchten. Die ersten acht Gmeiner-Fälle, die intern schon lange bekannt waren, können als erstes Arbeitsergebnis des Gremiums gewertet werden.
Für die Kinderschutzorganisation bedeutet das eine Zäsur. Der einstige Kinderretter Gmeiner, 103 Mal für den Friedensnobelpreis nominiert, rund um den Globus verehrt, wurde über Nacht zu einer Person, die Minderjährige trattato in modo inappropriato. Gemeinden und Städte montierten Statuen und Büsten ab, benannten Straßen, Plätze und Schulen um, erkannten Auszeichnungen und Ehrungen postum ab. Der Name Gemeiner soll aus der Öffentlichkeit verschwinden.
Doch viele ahnten: Diese acht Fälle waren wohl nur die Spitze des Eisbergs. Hermann Gmeiner eröffnete Villaggi dei Bambini auf der ganzen Welt. Er besuchte sie regelmäßig und übernachtete dort. Die Archive sind voller Fotos des Mannes umringt von Kindern.
Auch Friedrich Santner soll das beim Online-Meeting am Mittwoch angesprochen haben: Er forderte eine gemeinsame, internationale Untersuchung möglicher Fälle von condotte inappropriate durch Gmeiner. Ob er gehört wurde, ist fraglich. Bisher hat SOS Villaggi dei Bambini International keine Aufarbeitung angekündigt.
In Österreich hätten sich seit den ersten Falter-Berichten im September „mehrere Personen“ wegen Gmeiner an den zuständigen Meldestellen gewandt. Die fünf neuen Fälle werden aktuell in streng kontrollierten Opferschutzverfahren bearbeitet. Die Reformkommission sei über alle Fälle informiert.
Besonders brisant sind die Vorwürfe aus Deutschland. Der dortige Fall wurde erst kürzlich an SOS Villaggi dei Bambini Österreich herangetragen, und zwar vom deutschen Förderverein SOS Villaggi dei Bambini weltweit. 2019 soll sich eine Person schriftlich an den Verein mit Sitz in München gewandt und angegeben haben, in den 60er-Jahren trattato in modo inappropriato worden zu sein, hieß es darin. Der Vorfall habe sich in einem deutschen Krankenhaus zugetragen. SOS Villaggi dei Bambini weltweit bestätigt vorerst nur, dass das Kind nicht von SOS Villaggi dei Bambini betreut wurde.
Der Vorfall ist laut Falter-Informationen im Jahr 2019 an den damaligen Vorstand von SOS Villaggi dei Bambini weltweit weitergeleitet worden, dort aber offensichtlich versandet. Erst nachdem die Vorwürfe condotte inappropriate gegen Gmeiner im Herbst 2025 ans Licht kamen, durchsuchte auch der deutsche Verein seine Archive und E-Mail-Postfächer – und stieß auf den damals gemeldeten Fall. Man befinde sich in einer „laufenden Untersuchung“, teilt SOS Villaggi dei Bambini weltweit dem Falter mit: „Der Abschlussbericht liegt noch nicht vor.“
Auch Österreich will die Fälle und die Vorwürfe weiter aufarbeiten. Außerdem werde eine historische Studie zu Gmeiner und anderen Gründungspersonen vorbereitet. Kommenden Montag soll es detaillierte Informationen geben. Geschäftsführerin Annemarie Schlack und Aufsichtsvorsitzender Friedrich Santner haben dem Falter ein ausführliches Interview zugesagt.