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Artikel 11 / 30 — 44/2025

SOS-Kinderdorf Eine Institution in Trümmern – und ein neuer, schlimmer Verdacht

Nachdem Gründer Hermann Gmeiner als Täter von unangemessenen Handlungen entlarvt wurde, belasten Falter-Recherchen die Organisation erneut: Haben ihre Chefs einem reichen Großspender jahrelang Buben ausgeliefert?

von Recherche, FALTER 44/2025, 28.10.2025

Email [geschwärzt] an CM in einer anderen Sache – im PS Verweis auf eine Karte mit dem Hinweis: anbei auch die Wünsche von Herrn [geschwärzt] am liebsten wäre mir eine direkte Rückmeldung von HK

AW von CM im PS: Antwort von Kutin: Drei Nächte im Trainingszentrum sind zugesagt. [geschwärzt] müsste Bescheid wissen.

Funcke-Bonnet lebte bis zu seinem Tod in Aschbach-Markt in Niederösterreich. Dort war er ein bekannter Mann. Auch „seine Neigung war bekannt“, wie eine Nachbarin sagt. Auf dem Bild werden Jubilare von der Gemeinde geehrt, sie stehen in keinem Zusammenhang mit den Vorwürfen. Ein E-Mail belegt, dass Helmut Kutin den Großspender noch im Jahr 2017 – als bereits Übergriffe bekannt waren und Funcke-Bonnet Besuchsverbot in einem Kinderdorf hatte – in ein nepalesisches SOS-Trainingszentrum mit Kindern einlud

Bis vor wenigen Tagen saß Hermann Gmeiner noch auf der Holzbank vor der Johanneskirche. Alle sollten die Bronzestatue des berühmten Kinderdorf-Gründers sehen. Nun hat man Gmeiner versteckt. Er steht verpackt am Bauhof in der Fabrikstraße 13 – weit weg vom Zentrum der kleinen Tiroler Stadt Imst.

Hier hat Gmeiner nach dem Zweiten Weltkrieg das erste SOS-Kinderdorf eröffnet, hier wurde er 1986 begraben, hier verehrten ihn die Leute wie einen Heiligen. Das ist vorbei. Der Kinderschützer Hermann Gmeiner, 103-mal für den Friedensnobelpreis nominiert, vielfach ausgezeichnet und vom Papst geehrt, soll an mindestens acht Buben in SOS-Kinderdörfern „unangemessene Handlungen und unangemessene Behandlung“ ausgeübt haben. Das gab SOS-Kinderdorf vergangene Woche bekannt. Jedes seiner Betroffenen bekam 25.000 Euro Entschädigung. Das ist die Höchstsumme, die SOS-Kinderdorf auszahlt. Die Kinderschutzorganisation wusste seit 2013 Bescheid, schwieg aber zwölf Jahre lang – und warb weiter mit Gmeiner um Spenden.

Für SOS-Kinderdorf sind die jüngsten Enthüllungen die größte Zäsur in der Geschichte der Organisation. Die Spenden brechen ein, das Vertrauen ist dahin, auch intern. Als „Schande“ bezeichnete der Vorsitzende der Dachorganisation SOS-Kinderdorf International die jahrelange Vertuschung seiner Kollegen in Österreich und schmiss die Gründernation aus der Kinderdorf-Gemeinschaft.

Vermutlich würde SOS-Kinderdorf heute noch schweigen, hätte der Falter Anfang September nicht die Missstände in den Kinderdörfern Moosburg (Kärnten) und Imst aufgedeckt: psychische und physische unangemessene Behandlung an Kindern, ausgeführt von den Menschen, die sie eigentlich beschützen sollten – Betreuer, Pädagogen, Ersatzmütter, Dorfleiter.

Der Falter deckte Anfang September unangemessene Behandlung im SOS-Kinderdorf Moosburg in Kärnten auf. Eine Woche später erschien ein Artikel über Gewalt im Kinderdorf Imst in Tirol. Die Recherchen brachten den Fall Gmeiner ins Rollen

Die Geschäftsführung versprach Besserung und reagierte mit einer Reformkommission auf die Falter-Recherchen. Unter der Leitung von Irmgard Griss, Ex-Präsidentin des Obersten Gerichtshofs und ehemalige Neos-Politikerin, untersucht das Gremium nun den kompletten Apparat SOS-Kinderdorf. Dass über Hermann Gmeiners unangemessene Behandlung jetzt endlich offen gesprochen wird, ist das erste Arbeitsergebnis der Kommission.

Doch während Österreich schockiert ist angesichts des tiefen Falls Hermann Gmeiners vom Kinderschützer zum Person mit unangemessenem Verhalten gegenüber Kindern, tut sich der nächste Abgrund auf.

Betroffen ist ausgerechnet die zweite große Lichtgestalt der Organisation: Helmut Kutin. Der enge Freund Gmeiners war eines der ersten Kinderdorf-Kinder. Nach Gmeiners Tod wurde er Präsident von SOS-Kinderdorf International und SOS-Kinderdorf Österreich. 2024 starb Kutin, bis zuletzt Ehrenpräsident von SOS-Kinderdorf, im Alter von 82 Jahren. Nun belasten ihn Dokumente, die dem Falter zugespielt wurden, schwer.

Kutin ließ es wissentlich zu, dass ein mutmaßlich mit unangemessenem Interesse an Minderjährigen Großspender Zugang zu Burschen in Kinderdörfern erhielt. Dort hat er sie, wie wir heute wissen, unangemessener Behandlung unterworfen. Auch Geschäftsführer Christian Moser, seit 2008 im Amt und wegen der Missstände in Imst und Moosburg vom Dienst freigestellt, wusste vom unangemessene Behandlung. Das belegen E-Mails, Briefe, interne Revisions- und Quartalsberichte und eine Sachverhaltsdarstellung.

„Drei Nächte im Trainingslager sind zugesagt“, steht da etwa in einem E-Mail aus dem Jahr 2017. Hinter dem harmlos klingenden Satz verbirgt sich ein perfides System unangemessener Behandlung. Denn die Nächte in einem SOS-Trainingslager in Nepal, in dem sich Kinderdorf-Kinder aufhielten, sagte Kutin einem alten Bekannten zu: Funcke-Bonnet , wohlhabender Sprössling einer Brauerei-Dynastie, wohnhaft in der niederösterreichischen Gemeinde Aschbach-Markt, damals 87 Jahre alt, im August 2022 verstorben, Großspender von SOS-Kinderdorf.

Kutin muss geahnt haben, was in Nepal passieren kann. Er wusste nachweislich, das belegen interne Dokumente, von der unangemessenen Neigung des Mannes – und dass er sie an Kinderdorf-Kindern auslebt. Schon zwei Jahre zuvor hatte SOS-Kinderdorf Nepal ein Besuchsverbot für Funcke-Bonnet verhängt. Der Grund: Der Mann hatte einen Buben zum orale körperliche Intimität gezwungen, zwei Kinder geküsst und fünf weitere genötigt, ihm ihre Intimbereich zu zeigen, wie später bekannt wurde. In Österreich fasste Funcke-Bonnet schon im Jahr 2014 Kinderdorf-Kindern in den Schritt, tätschelte ihre Hintern, wollte mit ihnen allein sein.

All das ist in den Unterlagen dokumentiert. Die Chefs in Österreich hatten laut einem internen Bericht „seit spätestens 2015" Kenntnisse über Anschuldigungen unangemessener Handlungen gegen Funcke-Bonnet Sie wussten, dass es immer wieder zu Grenzüberschreitungen kam. „Kutin weiß Bescheid“, wie es in einem internen Mail aus dem Jahr 2014 heißt.

Trotzdem hielten Kutin und Moser den Mann nicht von Kindern fern. Man schickte sich gegenseitig Weihnachts- und Geburtstagskarten, Kutin soll Funcke-Bonnet zuhause besucht haben, er wünschte ihm im Februar 2013 „aus ganzem Herzen, dass Sie Ihre schwierige Kindheit und Jugend durch die Besuche in Nepal endlich ertragen können“. Der Person mit unangemessenem Verhalten gegenüber Kindern wurde von der Kinderschutzorganisation hofiert.

Christian Moser ist seit 2008 Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf, wegen der Missstände in Moosburg und Imst ist er aktuell vom Dienst freigestellt

Schließlich hatte er der Organisation über viele Jahre Geld gespendet – im Jahr 2010 sogar 900.000 Euro direkt an SOS-Kinderdorf Nepal. Dafür drängte Funcke-Bonnet auf Kontakte mit Buben. Und SOS-Kinderdorf gab sie ihm. Die Geldbeträge waren wichtiger als das Wohl der Kinder.

Gegenüber dem Falter will SOS-Kinderdorf die Mitwisserschaft von Kutin und Moser nicht bestätigen. „Wir nennen im laufenden Aufarbeitungsprozess keine Einzelpersonen“, heißt es in einer Stellungnahme.

Seit wann der Großspender in SOS-Kinderdörfern nächtigen durfte, ist unklar. „Zu individuellen Zeitpunkten oder personenbezogenen Details äußern wir uns aus Gründen des Opfer- und Datenschutzes nicht“, schreibt SOS-Kinderdorf.

Die internen Dokumente belegen: Kutin pflegte besten Kontakt zu dem Mann und kümmerte sich persönlich um seine Anliegen. 2003 wurde der SOS-Kinderdorf-Präsident per Fax darüber informiert, dass sich Funcke-Bonnet vermutlich in Nepal aufhält. 2005 fand der erste belegte Besuch in einem nepalesischen Kinderdorf statt. Funcke-Bonnet erwähnte die Reise selbst in einem Weihnachtsbrief an SOS-Kinderdorf. In der Folge hielt er sich immer wieder, oft monatelang, dort auf. „In Nepal war ich freilich auch mehrmals in diesem Jahr“, schrieb er in einem weiteren Weihnachtsbrief 2007. „Auch dieses Jahr war ich über 2 Monate dort; Sanothimi, Kavre und Lumbini“, notierte er im Jahr 2012. In den drei nepalesischen Orten befinden sich SOS-Kinderdörfer.

Bei der Eröffnungsfeier des Kinderdorfs Lumbini im Jahr 2010 saß Funcke-Bonnet direkt neben Christian Moser. In einer internen Nachricht beschreibt SOS-Kinderdorf-Präsident Kutin das Fest: „Anlässlich der Eröffnung des SOS-Kinderdorfs Lumbini haben wir Herrn Funcke-Bonnet besonders in den Mittelpunkt gestellt, und er ist ‚aufgeblüht‘ und hat sich über die Anerkennung seiner großartigen Spende sehr gefreut.“

Geschlafen hat Funcke-Bonnet in den Kinderdörfern, wie aus einem E-Mail-Verkehr aus dem Jahr 2010 mit dem Nationaldirektor von SOS-Kinderdorf Nepal hervorgeht. Auch Helmut Kutin wusste „nachweislich“ davon, wie eine interne Sachverhaltsdarstellung vom Februar 2023 dokumentiert. Eingegriffen hat aber niemand.

Spendern ist es verboten, in den Dörfern zu nächtigen und mit den Kindern alleine zu sein. Das legen die hauseigenen „Sponsorship Manuals“ von SOS-Kinderdorf fest. Die Regeln sollen die Kinder schützen. Im Fall von Funcke-Bonnet taten sie das nicht.

Etwa im Jahr 2013. Damals flog SOS-Kinderdorf für Herrn Funcke-Bonnet sogar einen nepalesischen Burschen nach Österreich ein. In einem Brief an einen SOS-Mitarbeiter bat Funcke-Bonnet , den nepalesischen Jugendlichen, 17 Jahre alt, für drei Wochen nach Österreich einzuladen. Der SOS-Mitarbeiter, damals im Team der heutigen Geschäftsführerin Nora Deinhammer und zuständig für die Betreuung von Privatspendern, zögerte nicht lange. Er beauftragte eine Kollegin, ein Visum für den Burschen zu beantragen. Den Nationaldirektor von Nepal bat er um Unterstützung in diesem „Projekt“.

Der Jugendliche sollte nach seiner Ankunft die erste Nacht im SOS-Kinderdorf Hinterbrühl in Niederösterreich verbringen. Danach schlief er im Haus des Großspenders in Aschbach-Markt.

Bis heute steht es in der Einfamilienhaussiedlung in der kleinen Mostviertler Gemeinde. Funcke-Bonnet hat es Mitte der 70er-Jahre hier bauen lassen: Thujenhecke, Satteldach, winzige Fenster, eine Stiege führt zum Windfang vor der Eingangstür. Auf der Rückseite erstreckt sich ein Garten.

Die Nachbarn erinnern sich, dass sich „Herr Funcke-Bonnet “ gerne mit Kindern umgab. „Seine Neigung war bekannt“, sagt eine Frau. Funcke-Bonnet soll Kindern Schokolade und Malbücher geschenkt haben und mit ihnen zum See schwimmen gefahren sein. Immer wieder soll er vor allem Burschen zu sich ins Haus eingeladen haben. „Ich habe meinem Sohn verboten, dorthin zu gehen“, sagt ein älterer Nachbar.

Auch an den Burschen aus Nepal können sich die Nachbarn erinnern. Funcke-Bonnet habe behauptet, dass er sich als Pate Kinderdorf-Kinder zu sich ins Haus holen darf. Ob es zu unangemessene Behandlung kam, kann nicht belegt werden.

Ein Jahr später dokumentierte eine Kinderdorfmutter erstmals Übergriffe des Großspenders. Im Sommer 2014 lud Funcke-Bonnet Kinder aus dem SOS-Kinderdorf Altmünster (Oberösterreich) auf einen Bauernhof in Aschbach-Markt ein. Die anwesende Kinderdorfmutter schilderte einem SOS-Mitarbeiter den Ausflug per Mail. Funcke-Bonnet habe einen Buben, er war acht Jahre alt, mit der rechten Hand auf den Hintern „geklopft“ und mit der linken „im Schritt“ getätschelt. Er habe den Kindern versprochen, dass sie im nächsten Sommer bei ihm übernachten dürfen, „allein ohne Betreuungsperson“.

Die Verantwortlichen von SOS-Kinderdorf reagierten zögerlich auf die Meldung der Pädagogin. Weder zeigen sie Funcke-Bonnet an, noch melden sie den Vorfall den zuständigen Behörden. Und sie untersagen Funcke-Bonnet auch den Besuch von Kinderdörfern nicht. Die einzige Konsequenz für den Millionär: „Es gibt keinen körperlichen Kontakt zu den Kindern, der über ein Händeschütteln hinausgeht“, wie in einer internen Sachverhaltsdarstellung steht. Mit einem Großspender wollten es sich die Kinderdorf-Chefs nicht verscherzen.

Im nepalesischen SOS-Kinderdorf Lumbini übernachtete der Großspender oft über Monate im Gästehaus

Selbst dann nicht, als SOS-Kinderdorf Nepal im Jahr 2015 ein Besuchsverbot für Funcke-Bonnet aussprach. Die Kinder hatten „Vorfälle“ mit dem Großspender gemeldet. Was vorgefallen war, wollte SOS-Kinderdorf Österreich gar nicht so genau wissen. Mit dieser lapidaren Antwort aus Nepal gab man sich in Innsbruck zufrieden: „We don't speak about it.“ In einem Brief rechtfertigt sich Funcke-Bonnet Zwei Kinder hätten sich zu ihm ins Bett gelegt: „They was (sic!) happy therefore and homefeeling.“

Statt endlich die Behörden einzuschalten, umwarb SOS-Kinderdorf den Mann weiter. Denn der Großspender drohte, „seine Gelder von SOS abzuziehen“ und „auszupacken“. Laut den internen Dokumenten sollte Helmut Kutin das verhindern. Er soll Funcke-Bonnet besucht und mit ihm gesprochen haben.

Bis ins Jahr 2020 blieb SOS-Kinderdorf mit Funcke-Bonnet in Kontakt. „Wir haben Ihnen bereits mehrfach mitgeteilt, dass Sie als Besucher in den SOS-Kinderdörfern in Nepal immer herzlich willkommen sind, eine Übernachtung im SOS-Kinderdorf jedoch nicht möglich ist. Ich ersuche Sie, diese Entscheidung zu akzeptieren“, heißt es etwa in einem Brief an den Großspender. Man sei aber gerne „bei der Suche nach Hotels in der Nähe der SOS-Kinderdörfer behilflich. Ebenso können wir Sie auch vom und zum Hotel chauffieren.“

Erst sieben Jahre nach den Übergriffen auf den Buben aus dem SOS-Kinderdorf Altmünster und sechs Jahre nach dem Besuchsverbot in Nepal reagierte die Organisation auf enormen Druck von außen. Eine Whistleblowerin in Nepal meldete den unangemessene Handlungen von acht Kindern durch Funcke-Bonnet SOS-Kinderdorf International zeigte den Fall am 1. Dezember 2021 bei den österreichischen Behörden an.

Die Kollegen in Österreich zieren sich weiter. Die Geschäftsleitung von SOS-Kinderdorf habe sich „nach rechtlicher Prüfung gegen eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft entschieden“, heißt es in einem Mail vom 2. Dezember 2021. Man werde keine „weiteren Schritte“ gegen den Beschuldigten einleiten, weil „es bei Kutin in Letztinstanz war“. Der Ehrenpräsident hielt weiter seine Hand über den Großspender.

Eine Woche später, am 9. Dezember 2021, reichte SOS-Kinderdorf Österreich schließlich doch eine Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft ein. Warum die Organisation so spät reagierte, sagt sie dem Falter nicht.

Im Sommer 2022 läutete die Kriminalpolizei bei Funcke-Bonnet in Aschbach-Markt. „Aber er war nicht da“, sagt Bürgermeister Martin Schlöglhofer, der bei der Hausdurchsuchung dabei war. Der Beschuldigte lag im Krankenhaus, wenige Tage später sollte er mit 93 Jahren sterben.

Der Fall des Großspenders sei „von Anfang an“ verzögert worden, hielt eine unabhängige Expertenkommission im Auftrag von SOS-Kinderdorf International Jahre später fest. Es sei „besorgniserregend“, dass die Organisation durch ihr Verhalten eine „ordnungsgemäße Durchführung und den Abschluss des Verfahrens möglicherweise behindert“ habe. Öffentlich thematisiert wurde diese Kritik nie.

Mit den Vorwürfen gegen Funcke-Bonnet ging SOS-Kinderdorf erst nach dessen Tod an die Öffentlichkeit. Mehrere Medien berichteten über einen ominösen Spender, der im Verdacht steht, Kinder unangemessen behandelt zu haben. Man wolle nun untersuchen, welche Verantwortung Österreich habe, hieß es von der Geschäftsführung. Eine bereits 2021 beauftragte Kommission unter der Führung von Ex-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic kam zu dem Schluss, dass Führungspersonen von SOS-Kinderdorf seit 2015 vom unangemessene Behandlung von Kindern gewusst haben. SOS-Kinderdorf feierte sich für die vermeintliche Transparenz. Noch heute betrachtet die Organisation den Fall als „umfassend aufgearbeitet“, wie es gegenüber dem Falter heißt. „Entsprechende Maßnahmen wurden abgeleitet; daran knüpfen wir an.“

Namen nannte der weichgespülte Klasnic-Bericht keine. Die zugespielten Dokumente zeigen: Es ging um Christian Moser und Helmut Kutin. Sie vertuschten den Fall.

Im Vorjahr starb Kutin in einem Kinderdorf in Thailand. Laut Kinderdorf-Legende war es Gmeiner gewesen, der die Wende in das Leben des Kinderdorf-Buben brachte. Nach Gesprächen mit seinem Mentor habe Kutin 1967 beschlossen, nach Vietnam zu gehen und dort das damals größte Kinderdorf der Welt in Ho-Chi-Minh-Stadt aufzubauen. Unter Kutins Präsidentschaft sollte SOS-Kinderdorf auf dem ganzen Globus expandieren. Das Motto: „Jedem Kind ein liebevolles Zuhause.“

Jetzt fällt der Mythos. Viele Menschen fühlen sich getäuscht. Gmeiner und Kutin haben die Kinder nicht geschützt. Der eine soll sie unangemessen behandelt, der andere einem Person mit unangemessenem Verhalten gegenüber Kindern überlassen haben – für das Geld eines alten, reichen Mannes.

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