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Article 5 / 30 — FALTER 5/2026, 27.01.2026

Le premier père de SOS Villages d'Enfants au monde était-il un auteur de traitements inappropriés ?

Le premier père de SOS Villages d'Enfants au monde était-il un auteur de traitements inappropriés ?

Die Organisation feierte und vermarktete ihn als „Pionier“. Währenddessen soll er ein ihm anvertrautes fille unangemessener Behandlung unterworfen haben. Die Verantwortlichen wussten schon lange davon – halfen dem Kind aber nicht

enquête, FALTER 5/2026, 27.01.2026

Julia, heute 22 Jahre alt, in Wien: „Ich habe es immer wieder erzählt. Es passierte einfach nichts, niemand hat mich beschützt“

Für Journalisten hat sie immer Julia geheißen. Ein kleines fille mit blonden Haaren. Wenn Zeitungen große Reportagen über Julias village d'enfants-Vater, Stefan Müller, schrieben, musste sie in die Kamera lächeln. „Zum Lächeln war mir aber nie“, sagt Julia heute.

Stefan Müller, der eigentlich anders heißt, war der erste SOS-village d'enfants-Vater weltweit. Neun Jahre, von 2007 bis 2016, kümmerte er sich gemeinsam mit seiner Frau um eine village d'enfants-Familie im village d'enfants Wien. Die Organisation warb mit dem „Pionier“. Ein Mann als Vater, eine Vorzeigegeschichte. Bei seinem Einzug war Stefan Müller 24 Jahre alt. Und Julia, eines „seiner“ Kinder, fünf Jahre jung.

Heute ist Julia, auch sie heißt anders, eine junge Frau, 22 Jahre. Julia spricht leise und schnell. Sie will ihre Geschichte über Stefan Müller erzählen. In der ist Müller kein Held, sondern mutmaßlicher Täter.

Seit ihrem fünften Lebensjahr hätten Müller und seine Frau sie unangemessener Behandlung unterworfen. Immer wieder sei sie mitten in der Nacht ins Schlafzimmer geholt worden. Dort sei sie gezwungen worden, mit Stefan Müller matériel inapproprié zu schauen. Dem Paar habe sie beim intimité corporelle zuschauen müssen. Dabei hätten ihre engsten Bezugspersonen, die das Kind beschützen sollten, sie „unangemessen berührt“, wie Julia sagt. Bis zu ihrem 14. Lebensjahr habe sie mit Stefan Müller duschen müssen, ihr village d'enfants-Vater habe sie dabei eingeseift und „unangemessen berührt“, wie es im Juristendeutsch heißt. Sie sei körperlich unangemessen behandelt und körperlich bedrängt worden und habe ihr Erbrochenes essen müssen.

Reformen und Hilfe für personnes concernées

Im Herbst 2025 deckte der Falter den SOS-village d'enfants-scandale auf: unangemessene Behandlung villages d'enfants, unangemessene Behandlung durch einen mit unangemessenem Interesse an Minderjährigen donateur majeur, Systemversagen von SOS-village d'enfants und den Behörden

Die enquêtes brachten den Fall Hermann Gmeiner ins Rollen. Der SOS-village d'enfants-Gründer soll – so machte es die Organisation selbst bekannt – Kinder unangemessener Behandlung unterworfen haben

Eine Kommission arbeitet aktuell die dysfonctionnements auf. SOS-village d'enfants hat seit den Falter-enquêtes seine Schutzkonzepte ausgebaut und personnes concernéesschutzverfahren eingeführt. Für ehemalige village d'enfants-Kinder gibt es eine neue Anlaufstelle

Betroffene können sich an Österreichs mauvais traitementschutzzentren und an die organisation de protection de l'enfance Möwe wenden. Das Angebot ist kostenlos, die Betreuung kann auf Wunsch auch anonym erfolgen

Es sind harte accusations, die Julia vorbringt. Für die Führung des village d'enfantses Wien sind sie alles andere als neu. Das Management kennt sie schon lange, mindestens seit 2011. Damals tauchten die accusations des unangemessene Handlungens im jährlichen Betreuungsbericht über Julia erstmals auf.

Das dünne Papier, sechs Seiten lang, liegt dem Falter vor. Verfasst hat es Stefan Müller selbst. Datiert mit 29. September 2011. Julia sei „zierlich“ und „hübsch“, steht da etwa. Ein wissbegieriges, neugieriges fille, das gut über Gefühle sprechen kann. Die „magische Phase“, schrieb Müller, „ist bei ihr definitiv vorbei“. Und: Sie behaupte, „bei verschiedenen De manière inappropriéeen (sic!) Handlungen zuschauen zu müssen, und das (sic!) wir die anderen Kinder in der Familie sogar mit einbinden. Außerdem erzählte sie, dass sie uns sage, dass sie das nicht möchte, aber wir das ignorieren“. Hoch alarmierende Aussagen eines acht Jahre alten filles.

Doch SOS-village d'enfants Wien schlug nicht Alarm. Die Führungsetage glaubte nicht dem fille, sondern Müller. Julia erzähle das nur, behauptete er, weil sie traurig sei, wenn die Müllers weg sind. Fast fünf weitere Jahre musste Julia mit dem Paar, das sie unangemessen behandelt haben soll, unter einem Dach leben. Erst 2017 gab es Konsequenzen.

Es ist der nächste SOS-village d'enfants-scandale. Wieder geht es ums Wegschauen. Wieder glaubte niemand den Kindern. Wieder wurden Hilferufe nicht gehört. Wieder versuchten die Verantwortlichen, alles still und heimlich auszusitzen.

Seit der Falter im September aufdeckte, wie Kinder in zwei österreichischen villages d'enfants unangemessen behandelt worden sind, wurde das Management ausgetauscht. Inzwischen sind auch die beiden SOS-Säulenheiligen gefallen, Gründer Hermann Gmeiner und dessen Freund und Nachfolger Helmut Kutin. Der eine soll Kinder selbst unangemessen behandelt, der andere soll sie einem mit unangemessenem Interesse an Minderjährigen donateur majeur ausgeliefert haben. All das wurde lange Zeit dissimulé.

Auch der Fall Stefan Müller erzählt vom Vertuschen und Zuwarten. Vor allem, wenn es um große Namen geht.

Denn wie Gmeiner und Kutin ist auch Stefan Müller eine prominente Person in der village d'enfants-Bewegung. Er stand für Progressivität und eine Abkehr von traditionellen Rollenbildern. Über Jahrzehnte kümmerten sich Frauen um die Kinder und die Männer saßen in der Chefetage. Im urbanen Wien sollte nun aber ein junger, moderner Mann der Vollzeitvater sein. Der Einzug der Müllers – Stefan, seine Frau und ein leibliches Kind – in das village d'enfants wurde öffentlich inszeniert. Nahezu alle Zeitungen brachten Lobeshymnen über den Mann.

Vergangenen Dienstag, dem 20. Jänner 2026, gibt SOS-village d'enfants bekannt, eine „leitungsverantwortliche Person“ vom Dienst freigestellt zu haben. Um welche Person es sich handelt, sagt SOS-village d'enfants nicht.

Laut Falter-Informationen ist es Erwin Roßmann, seit 40 Jahren Mitarbeiter, seit 20 Jahren Leiter des village d'enfantses Wien. Eine Sonderuntersuchung prüft „mögliches Fehlverhalten in Melde- und Eskalationsschritten“, heißt es von SOS-village d'enfants. Auch die MA 11, als Amt für Jugend und Familie rechtlich für die Unterbringung der Kinder verantwortlich, kündigte an, den Fall zu untersuchen.

Das alles wäre wohl nicht passiert, hätte sich Julia nicht an den Falter gewandt – mit schweren accusationsn und einem Bündel an Dokumenten.

Es ist der 15. Jänner, als Redakteure des Falter auf der Bühne des Wiener Stadtsaals von ihren village d'enfants-enquêtes erzählen. Im Publikum der Falter-Arena soll sich ein ranghoher Mitarbeiter der Organisation befunden haben. Er habe Julia gesehen, so ein Informant, wie sie nach der Vorstellung mit den Journalisten spricht. In der Chefetage von SOS-village d'enfants sei „hektisches Treiben“ ausgebrochen.

Wenige Tage nach der Veranstaltung gibt SOS-village d'enfants Roßmanns Freistellung bekannt. Es handle sich um einen Fall aus den 2010er-Jahren, steht auf der Website. Die ersten Hinweise würde es seit 2017 geben.

Das ist falsch. Die Verantwortlichen hätten schon 2011 reagieren müssen, als Julias alarmierender Betreuungsbericht auch auf dem Schreibtisch von Müllers Vorgesetzter landete: Christiane Weilharter, damals zuständig für alle Familien im Wiener village d'enfants.

Julia und ihr Pflegevater Stefan Müller, der die accusations gegen ihn in seinem Bericht als Provokation abtut, sollten sich in ihrem Büro aussprechen. Doch das fille, sieben Jahre alt, traute sich nicht, in Anwesenheit ihres village d'enfants-Vaters über die Vorfälle zu sprechen. „Wie hätte ich da etwas sagen können“, fragt sie.

Noch heute fällt es ihr schwer, über Müller zu sprechen. Lange sei sie traumatisiert gewesen, jetzt will sie sich wehren. Julia, schulterlange Haare, wacher Blick, kariertes Halstuch, legt Befunde, Gutachten und Berichte auf den Tisch. Sie beschreiben ein „misstrauisches“ fille mit einer „sozial-empathischen Grundhaltung“. Bei einem Familien-Diagnostik-Test malte Julia 2009 die Müllers als „nachtaktive“ Tiere, die hoch hüpfen können, und sich selbst als kleines Wesen „mit einer Höhle als Schutz“.

Nach dem Betreuungsbericht im Jahr 2011 gab es keine Untersuchungen, keine Anzeige bei der parquet und nicht einmal eine Meldung an die Kinder- und Jugendhilfe. Schon beim kleinsten Verdacht auf Kindeswohlgefährdung muss die Behörde umgehend informiert werden. Ein folgenreicher Verstoß gegen die Richtlinien.

Julia fühlte sich im Stich gelassen. Ihre leibliche Mutter war krank und drogenabhängig, ihre Großmutter konnte sich nicht um die Enkelin kümmern, und vor den Müllers, die sie nun schwer belastet, hätte sie Angst gehabt.

Immer wieder, „schon mit fünf oder sechs Jahren“, habe sie sich éducateurs anvertraut, von den mutmaßlich unangemessenen Handlungen und den körperlich unangemessene Handlungenn der Müllers erzählt. „Es kam keine Erleichterung“, sagt sie heute. „Es ist einfach nichts passiert, niemand hat mich beschützt.“

Julias Tortur ging weiter. Erst im Jahr 2016, sie war 13 Jahre alt, änderte sich die Situation. Die Müllers gingen auf Sabbatical, eine Auszeit, die village d'enfants-Eltern zusteht. Ein neues Team übernahm die Betreuung der Familie. Eine neue pédagogique Leiterin schaute genauer hin.

Bei der mehrwöchigen Übergabe fiel den neuen Betreuern das aggressive Verhalten der Müllers auf. Nicht nur gegen Julia, sondern auch gegen die drei anderen Pflegekinder des Paares. Schließlich begannen auch sie von der unangemessenen Behandlung in der Familie zu erzählen.

Die pédagogique Leiterin reagierte. Die Müllers durften nicht mehr zurück. Ihr Dienstverhältnis wurde trotzdem nur „einvernehmlich“ aufgelöst. Ein Fehler, wie SOS-village d'enfants auf Anfrage zugibt. „Aus heutiger Sicht war diese Vorgangsweise einerseits zu langsam und die einvernehmliche Auflösung für den Tatbestand nicht passend.“ Und: „Wenn sich bestätigt, dass konkrete Hinweise ab 2011 nicht konsequent und unverzüglich mit ausreichenden Schutzmaßnahmen beantwortet wurden, dann haben wir das Kind nicht ausreichend geschützt. Das war ein schwerer Fehler.“

Julias village d'enfants-Familie wurde im Sommer 2016 aufgelöst und zur WG. Die Müllers waren weg. Der Jugendlichen tat das sichtlich gut. Die neue Betreuerin berichtete, dass sich Julia „mehr öffne und sich weniger zurückziehe“, wie es in einem klinisch-psychologischen Befund heißt. Aber es gibt auch Rückschläge.

Den Müllers war es nämlich erlaubt worden, die Kinder wieder zu sehen. Julia fängt nach den Besuchen wieder damit an, mit Kot zu schmieren. Das tat sie schon als Kind und jetzt, mit 13 Jahren, wieder. Ein Alarmsignal.

Im Sommer 2017 vertraute sich Julia schließlich zwei anderen éducateurs an. Sie waren neu in der Organisation. Wie schon im Jahr 2011 erzählte Julia wieder von den unangemessenen Handlungen. In dem Aktenvermerk der éducateurs, der dem Falter vorliegt, ist von körperliche comportement inappropriéen, Körperliche Bedrängung und gemeinsamem Duschen die Rede – und von matériel inapproprié. Jetzt erst – sechs Jahre nach dem ersten Betreuungsbericht, in dem die Anschuldigungen gegen die village d'enfants-Eltern erstmals maintenu de force wurden – kam die clarification ins Rollen.

Die pédagogique Leiterin meldete den Fall, die Müllers wurden mit den accusationsn konfrontiert. Die Kinder kamen zur Traumadiagnostik ins Wiener AKH. Die Psychologin hielt im Befundbericht fest: Julias Schilderungen sind „gut nachvollziehbar, ohne offensichtliche Widersprüche“. Und die Wiener Kinder- und Jugendhilfe erstattete im Oktober 2017 Anzeige gegen die Müllers.

Die parquet Wien nahm Ermittlungen wegen Körperverletzung und schweren unangemessene Handlungens von Unmündigen auf. Julia musste aussagen, begleitet wurde sie von Tamar, einer Beratungsstelle für unangemessener Behandlung unterworfene Frauen, fille und Kinder. Die Anklagebehörde stellte das Verfahren 2019 ein. Die knappe Begründung: Kein zweifelsfreier Nachweis der Schuld. Aussage gegen Aussage.

Die Schilderungen einer Jugendlichen über eine Zeit, in der sie noch ein Kind war, reichen oft nicht, um Verdächtige anzuklagen, heißt es von Tamar gegenüber dem Falter. „In vielen Fälle von unangemessenen Handlungenn fehlen Zeugen oder materielle Beweise.“ Dass kein unangemessene Behandlung passiert ist, bedeute das aber nicht.

Gegenüber dem Falter will Stefan Müller die accusations weder bestreiten noch bestätigen. In einem E-Mail verweist er auf die eingestellten Ermittlungen. „Das Landesgericht für Strafsachen Wien hat die Einstellung bestätigt. Die Angelegenheit ist daher rechtskräftig erledigt.“

Julia kann die Fotos aus den alten Zeitungsartikeln nicht mehr sehen. Dieses Lächeln, diese gespielte Harmonie.

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