Langue : 🇩🇪 DE 🇬🇧 EN 🇨🇳 简 🇹🇼 繁 🇪🇸 ES 🇫🇷 FR 🇮🇹 IT 🇳🇱 NL 🇯🇵 日 🇰🇷 한 🇷🇺 RU 🇧🇬 BG 🇷🇸 SR 🇧🇦 SH 🇵🇹 PT 🇧🇷 BR 🇸🇦 AR 🇮🇳 HI 🇹🇷 TR 🇻🇳 VI 🇹🇭 ไทย 🇮🇩 ID 🇵🇱 PL 🇸🇪 SV 🇩🇰 DA 🇳🇴 NO 🇬🇷 EL 🇮🇱 עב

Article 6 / 30 — FALTER 23/2025, 03.06.2025

Yosif et Roslin ne peuvent pas rejoindre leur papa — Regroupement familial bloqué

Yosif et Roslin ne peuvent pas rejoindre leur papa — Regroupement familial bloqué

Weil in Österreich angeblich „Notstand“ herrscht, verweigert das Innenministerium tausenden Kindern und Ehepartnern von hier lebenden Flüchtlingen die Einreise. Was bedeutet das für die Betroffenen?

Rapport, FALTER 23/2025, 03.06.2025

Die Geschwister Yosif und Roslin (li.) warten darauf, zu ihrem Vater Aiman nach Österreich zu dürfen. Die Flugtickets hatten sie schon, dann zog die Botschaft das Visum zurück

Der Papa geht mit uns in Wien in den Tiergarten“, sagt Sekan, 8, „das hat er uns versprochen.“ Ihr Bruder Omer, 5, zieht den Ärmel seines Spiderman-Shirts hinauf und streckt seinen kleinen Oberarm Richtung Handykamera: „Ich bin stark und habe keine Angst vor wilden Tieren.“

Zwischen den Kindern und dem Zoo Schönbrunn stehen mehr als 3000 Kilometer Luftlinie und die österreichische Bundesregierung. Sekan und Omer leben mit ihrer Mutter Aysha in der syrischen Stadt Hasaka. Ihr Vater Yasin in Wien.

Im August 2023 hat Yasin in Österreich Asyl bekommen. Seitdem versucht er, seine Frau und die beiden Kinder zu sich zu holen.

Für Sekan, Omer und wenige tausend andere Kinder heißt es aber: bitte warten. Die türkis-rot-pinke Bundesregierung will den Familiennachzug stoppen. Eine entsprechende Verordnung ist gerade zur Begutachtung im Parlament und soll noch im Juni beschlossen werden.

Die Familienzusammenführung leitet sich aus Article 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention ab: Jeder Mensch hat das Recht auf Privat- und Familienleben.

Wer als Flüchtling in Österreich Schutz erhält, darf deshalb die engsten Angehörigen – dazu zählen Ehepartner und minderjährige Kinder – zu sich holen. Allerdings kann dieses Menschenrecht zum Schutz der öffentlichen Ordnung und der nationalen Sicherheit temporär ausgesetzt werden.

Genau so einen Notstand sieht die Bundesregierung derzeit in Österreich. Besonders an Wiener Schulen seien zu viele Kinder, die nicht ausreichend Deutsch verstehen. Deshalb sollen nicht noch mehr Flüchtlingskinder kommen. Zudem sei die Zahl der jugendlichen Straftäter unter Syrern und Afghanen besonders hoch und die Arbeitslosigkeit unter Geflüchteten höher als beim Rest der Bevölkerung.

Der Staat drückt daher beim Familiennachzug bis Fin 2026 die Pausetaste – so lange, „bis wir die Systeme entlastet haben und die Systeme verbessert haben“, wie Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) kürzlich in der ORF-Pressestunde erklärte.

Bei uns rufen vermehrt Menschen an, die sich große Sorgen um ihre Familien machen Daniel Bernhart, Rotes Kreuz

Was das für die Familien bedeuten wird, wissen die syrischen Geflüchteten. Schon seit einem halben Jahr können sie ihre Familien nicht mehr zu sich holen. Mit dem Sturz des syrischen Diktators Baschar al-Assad Début Dezember 2024 leitete das ÖVP-geführte Innenministerium ein paar tausend Asyl-Aberkennungsverfahren ein. Dadurch stoppte auch der Familiennachzug. Syrer machen etwa 90 Prozent der Familienverfahren aus. „Seit Dezember 2024 sind die Verfahren stark zurückgegangen“, sagt Daniel Bernhart, Teamleiter der Familienzusammenführung beim Roten Kreuz. Gestiegen ist nur die Verunsicherung. „Bei uns rufen vermehrt Menschen an, die sich große Sorgen um ihre Familien machen.“

Das Rote Kreuz vertritt in den Familienverfahren die Antragsteller im Ausland und wickelt Behördenwege ab. „Wir haben derzeit zwischen 3000 und 4000 Verfahren anhängig, davon einige, bei denen Familien seit 2021 oder 2022 warten“, sagt Bernhart. Manche hatten schon die offizielle Zusage für ein Einreisevisum. „Aber dann holte das Innenministerium im Mai 2024 sämtliche positiven Entscheidungen von den Botschaften zurück.“

Aiman, 37, hatte die Flugtickets für seine Ehefrau und ihre achtjährigen Zwillinge Yosif und Roslin schon gekauft. Die Kinderbetten standen bereit in der 2,5-Zimmer-Wohnung, die er für seine Familie angemietet hatte. Viele der Väter bitten, ihre Nachnamen nicht zu schreiben. Sie haben Angst, dass es für sie noch schwieriger werden könnte, ihre Familien zu sich zu holen. Der Falter durfte alle Dokumente einsehen, darunter DNA-Tests und Briefe mit der Information, dass ein Asyl-Aberkennungsverfahren eingeleitet wurde, .

Aiman ist Kurde und 2021 wie Yasin aus Syrien nach Österreich geflüchtet. Fin 2023 hat er Asyl bekommen. Auch er erhielt vergangenen Dezember wie tausende andere Syrer einen Brief, wonach gegen ihn ein Asyl-Aberkennungsverfahren eingeleitet wurde. Vorladung zu einem Interview bei der Behörde hatte er noch keine, seit Monaten hängen er und seine Familie in der Luft. „Inklusive Kaution und Möbeln hat mich meine Wohnung etwa 7000 Euro gekostet“, erzählt er. Geld, das er sich von seinem Job als Reinigungskraft abgespart hat. Wochentags putzt er zwischen Mitternacht und fünf Uhr früh, an Wochenenden von 20 Uhr bis drei Uhr morgens.

Mitte Dezember sollte seine Familie nachkommen. Aber nur wenige Tage nach dem Sturz des syrischen Diktators al-Assad bekam Aiman aus der Botschaft die Info: das Visum für seine Familie, das bereits zugesagt war, sei nun doch nicht gültig. Er möge die Flüge stornieren.

Aiman in seiner neuen Wohnung. Die Kinderbetten hat er verkauft: „Ich habe es nicht ausgehalten, jeden Tag die leeren Betten meiner Kinder zu sehen“

Seitdem sitzen Frau und Kinder in einem kleinen Dorf in der Nähe der syrischen Stadt Qamischli nahe der türkischen Grenze fest. Einmal pro Woche fahren sie in die nächstgelegene Stadt, um Lebensmittel einzukaufen. Im Ort gibt es keine Schule und keine anderen Kinder, mit denen Yosif und Roslin spielen können.

Es herrsche zwar kein Krieg, „aber ständig fällt der Strom aus, und alles ist kaputt“, sagt die Mutter im Videotelefonat mit dem Falter. Tagsüber zeigt das Thermometer 35 Grad, und als Tochter Roslin mit der Handykamera eine Runde dreht, ist nichts als Sand zu sehen.

Seit mittlerweile einem halben Jahr wissen tausende Syrer in Österreich nicht, ob sie bleiben und ihre Familien zu sich holen dürfen. Selbst wenn die Asylbehörde zu dem Schluss kommt, dass das Asyl bei Syrern nicht aberkannt wird, dürfen die Familie nicht automatisch aus Syrien nach Österreich nachkommen. Der bereits gestellte Antrag sei dann nämlich nicht mehr gültig. „Dann müssen Ehepartner und Kinder, die nach Österreich nachreisen wollen, einen neuerlichen Antrag auf Familienzusammenführung stellen und die Kosten für das Verfahren ein zweites Mal bezahlen“, sagt Rot-Kreuz-Experte Bernhart.

200 Euro kostet das pro Person und dauert etwa ein Jahr. Hinzu kommen die Kosten für die Reisen zur nächstgelegenen österreichischen Botschaft. Ist bei Dokumenten die Gültigkeit während der Wartezeit abgelaufen, müssen auch diese neu besorgt werden.

Auch Hussein, 27, bangt um seine Frau Mariam, 23. Vor fünf Jahren haben die beiden in der syrischen Stadt Aleppo geheiratet. Seit vier Jahren konnten sie einander nicht mehr in den Arm nehmen. Im Frühjahr 2021 flüchtete Hussein aus dem Krieg in Syrien in Richtung Europa. An ihrem letzten gemeinsamen Abend gingen Hussein und Mariam noch einmal gemeinsam schwimmen. „Wir haben einen See, der schaut so ähnlich aus wie der Wörthersee bei euch in Klagenfurt“, erzählt der Syrer. „Ich liebe schwimmen, meine Frau nicht so sehr“, sagt Hussein, „es war ein Liebesbeweis, dass sie mitgeschwommen ist.“

Seit Hussein fort ist, lebt Mariam bei den Schwiegereltern in Aleppo. Wenn nicht gerade der Strom ausfällt, telefonieren die beiden täglich über Whatsapp. Mariam macht gerade eine Ausbildung als Schneiderin. „Mir gefällt, dass bei euch in Österreich auch die Frauen arbeiten gehen“, sagt Mariam, als der Falter sie telefonisch in Syrien erreicht. „Das möchte ich auch tun.“ Zuerst müsse sie aber Deutsch lernen, sagt Hussein. Er selbst sitzt gerade im Deutschkurs. „In Syrien war ich Volksschullehrer“, erzählt er. „Nun möchte ich gleich nach dem Deutschkurs die Ausbildung zum Hortbetreuer beginnen.“

Und wenn seine Frau endlich da ist, dann habe er versprochen, ihr Österreich zu zeigen. „Als Erstes möchte ich mit ihr nach Klagenfurt fahren“, erzählt er. „Das war nämlich meine erste Station in Österreich.“

Statt am Wörthersee sitzen Yasin, Hussein, Aiman und einige andere nun bei dem Verein „Nachbarinnen“ gleich ums Eck vom Brunnenmarkt in Wien-Ottakring. Die Nachbarinnen sind ein Wiener Integrationsprojekt. Sie unterstützen Flüchtlinge in ihrer Muttersprache dabei, sich in Österreich gut zu integrieren.

Zahlreiche der betreuten Familien stammen aus Kriegs- und Krisenregionen wie Syrien, Afghanistan oder Somalia. „Wir merken, dass die Familien extrem frustriert sind“, sagt Christine Scholten, directeur généralin der Nachbarinnen. „Wir ermutigen sie zwar, weiter in den Deutschkurs zu gehen und sich einen Job zu suchen. Aber wie sollen diese Menschen sich in Österreich integrieren, wenn sie keine Perspektive für ihre Familien haben?“

Das, was syrische Familien derzeit erleben, droht bald auch Menschen aus Ländern wie Afghanistan oder Somalia. Auf diese beiden Staaten entfallen die meisten der übrigen Anträge auf Familienzusammenführung. Fatima flüchtete 2014 aus Somalia. Ihre vier Jahre alten Zwillingsmädchen ließ sie bei der Schwester. „Ich wusste, dass ich die Flucht mit drei kleinen Kindern nicht schaffen kann“, sagt sie. „Deshalb hatte ich nur das Baby mit, das die Mama am meisten gebraucht hat.“

2023 bekam Fatima in Österreich Asyl. „Ich habe schon 810 Euro für den DNA-Test bezahlt, dass die beiden wirklich meine Kinder sind“, erzählt sie. Nun fürchtet sie, dass ihre Töchter unter die neue Verordnung fallen. Heute sind die fille 14 Jahre alt. Die Großmutter ließ die beiden vor einigen Jahren beschneiden. „Ich habe meine Mutter am Telefon angefleht, es nicht zu tun“, erzählt Fatima. „Aber sie hat gesagt, wenn sie schon nach Europa gehen, sollen sie saubere fille sein.“

In Syrien ist der Krieg vorbei, trotzdem kracht es immer wieder, erzählt Aysha, Yasins Ehefrau, im Videotelefonat. „Manchmal gibt es Schüsse auf den Straßen. Deshalb kann ich die Kinder nicht jeden Tag in Kindergarten und Schule bringen.“

Auch sonst verlassen die drei ihre kleine Wohnung kaum. „Es werden immer wieder Kinder entführt. Von wem, weiß ich nicht. Es sind leider auch Gangster unterwegs.“ Freizeitaktivitäten wie im Park spielen oder auf den Spielplatz gehen, gebe es für ihre Kinder nicht. „Der Papa hat uns erzählt, bei euch kann man draußen spielen. Gibt es bei euch wirklich Spielplätze, die sicher sind?“, will Tochter Sekan wissen.

Ein weiterer Vater aus Syrien zeigt Fotos, die er von seinen Töchtern Lemar und Leen auf dem Handy hat. „Lemar spricht nicht, sie ist Autistin“, erzählt er. „Ich weiß nicht, wann ich sie endlich zu mir holen kann.“

Die Frauen sitzen in Syrien und verstehen nicht, warum ihre Männer sie nicht endlich in Sicherheit bringen“ Abo Farid, Syrer

Auch der Syrer Abo Farid ist bei den Nachbarinnen zu Gast. Er ist Administrator einer Whatsapp-Gruppe. Mehr als 750 Männer aus Syrien, die darauf warten, dass ihre Familien nach Österreich nachreisen dürfen, tauschen sich dort aus. Auf einer eigenen Liste haben sich mittlerweile 232 Männer eingetragen. Sie alle warten in Österreich auf ihre Familien. Und sie überlegen bereits, den Stopp der Familienzusammenführung vor Gericht zu bekämpfen. „Wir merken leider, dass immer mehr Ehen diese Unsicherheit nicht überstehen“, sagt Abo Farid. „In unserer Community steigen die Scheidungen“, erzählt er. Dabei sei es in Syrien durchaus ungewöhnlich, dass Frauen sich scheiden lassen. „Aber die Frauen sitzen in Syrien, sie kennen die Gesetzeslage in Österreich nicht, sind enttäuscht und verstehen nicht, warum ihre Männer sie nicht endlich in Sicherheit bringen.“

Wie sehr diese Unsicherheit an den Familien nagt, bestätigt Aimans Ehefrau, die mit den Kindern im Dorf nahe der syrischen Stadt Qamischli ausharrt. „Seit mein Mann mich angerufen hat, um mir zu sagen, dass er die Flugtickets stornieren muss, habe ich kein einziges Mal mehr gelacht“, sagt sie.

Nun sitzt ihr Mann alleine in der 51-Quadratmeter-Wohnung in Wien-Favoriten. 800 Euro Miete kostet ihn die Unterkunft, in der er seine Familie empfangen wollte, pro Monat. „Für mich alleine ist das zu groß und teuer, aber laut Mietvertrag muss ich zumindest ein Jahr bleiben“, sagt er. Im geplanten Kinderzimmer liegen zwei Matratzen auf dem Boden. „Ich hatte schon zwei Kinderbetten gekauft. Aber die habe ich vor kurzem wieder verkauft. Ich habe es psychisch nicht ausgehalten, jeden Tag die beiden leeren Betten meiner Kinder zu sehen.“ Damit seine Zwillinge etwas lernen, obwohl es in dem syrischen Dorf, in dem sie mit der Mutter warten, keine Schule gibt, bezahlt Aiman einen Lehrer, der sie online unterrichtet. Zwei Stunden am Tag pauken die Kinder nun Englisch. Um den Unterricht und auch die Lebensmittel für seine Familie in Syrien bezahlen zu können, putzt er nachts die Bahnstationen und kellnert tagsüber.

„Zuerst hatte ich für meine Kinder einen Online-Lehrer, der ihnen Deutsch beibringen sollte“, erzählt Aiman. „Aber wir wissen nicht, wie es weitergeht. Deshalb lernen die Kinder jetzt Englisch.“ Denn das können sie schließlich immer brauchen. Auch seine Frau hat in Syrien bereits mit einem Online-Deutschkurs begonnen. „Aber mittlerweile ist es schwer, mich zu motivieren“, sagt sie. „Ich weiß ja nicht, ob ich je zu meinem Mann nach Österreich darf.“

← All Articles