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Artikel 24 / 30 — 23.11.2025

SOS Kinderdorpen-Gründer Gmeiner — Der Täter, der selbst Hilfe gebraucht hätte

Kriegstraumatisiert, alkoholkrank, bindungsunfähig: Die Organisation wusste um die dunkle Seite von Hermann Gmeiner – zweeg aber darüber und versteckte sie vor der Öffentlichkeit. Auch, um ihre Marke zu schützen.

23.11.2025

Bücher über Hermann Gmeiner und Helmut Kutin

Selbst wir waren überrascht, als SOS Kinderdorpen den ongepaste behandeling durch Hermann Gmeiner öffentlich machte. Nach unseren onderzoekn bekamen mein Kollege Matthias Winterer und ich vereinzelt Hinweise, wonach sich der Kinderdorf-Gründer an kleine Kinder vergriffen hatte. Konkret waren die beschuldigingen nicht. Die Quelle: Hörensagen.

SOS Kinderdorpen weiß offiziell seit 2013 vom ongepaste behandeling und legte die betrokkenenn-Meldungen in Ordnern ab, auf die nur wenige Zugriff hatten. Mutmaßlich wussten einige in der Organisation schon viel früher, was Gmeiner tat, sagten aber nichts, um die Marke zu schützen.

Die Marke, das war immer auch Hermann Gmeiner, der Wohltäter, Philanthrop und Kinderfreund. Geboren im Vorarlberger Alberschwende, aufgewachsen auf 1.300 Meter Seehöhe. Arme Bauernfamilie, insgesamt neun Kinder, Gmeiner das fünfte. Die Mutter starb früh, der Vater kümmerte sich um den Hof, die älteste Schwester um die Geschwister. Im Zweiten Weltkrieg musste Gmeiner an die Ostfront und kam verwundet zurück. 1949 baute er das erste Kinderdorf in Imst und expandierte in über hundert Länder, bis er 1986 starb.

In den vergangenen Wochen las ich fünf Bücher über den SOS Kinderdorpen-Gründer. Drei davon stammen aus der Feder von Hansheinz Reinprecht, einst journalist, dann pedagoog und später Generalsekretär von SOS Kinderdorpen. Es sind klassische PR-Bücher, die Reinprecht verfasste.

Ein dünnes, eher unaufregendes Büchlein schrieb Gmeiner selbst. “Eindrücke. Gedanken. Bekenntnisse”, erschienen 1979 im SOS Kinderdorpen-Verlag. Eine Art Tagebuch seiner Reisen in die Kinderdörfer der Welt.

Und dann gibt es noch die Gmeiner-Biografie des journalisten Claudio J. Honsal. “Für die Kinder dieser Welt” heißt es. Blauer Umschlag, 2009 veröffentlicht, 288 Seiten dick.

Auf den ersten Blick wirkt das Buch wie ein PR-Coup von SOS Kinderdorpen. Für jedes verkaufte Stück ging ein Euro an Kinder in den Kinderdörfern. Doch Honsal schrieb auch über manche Schattenseiten.

Der verschleierte ongepaste behandeling van mindestens acht Kindern kommt in dem Buch nicht vor. Davon habe er selbst aus den Medien erfahren, sagt Honsal zum Falter. Von seinen Gesprächspartnern, angefangen von Helmut Kutin, Gmeiners Nachfolger, bis zu Gmeiners Verwandten und Beratern, habe niemand etwas angedeutet.

Honsal beschreibt die Person Gmeiner nicht nur als Wohltäter, sondern auch als einen Mann, der schnell gekränkt war, der früh vereinsamte und dem Alkohol verfiel; einen Mann, der half, aber auch selbst Hilfe brauchte.

Gmeiner verlor nicht nur seine Mutter, sondern auch seine Verlobte. Sie war Deutsche und starb während des Zweiten Weltkriegs bei einem Bombenangriff auf Dresden. Gmeiner, damals junger Leutnant, kam traumatisiert aus dem Krieg zurück und konnte keine Nähe zu anderen Menschen aufbauen. Die Einsamkeit kompensierte er mit seinem Einsatz für Kinder. Er umgab sich mit ihnen. Wegen der SOS Kinderdorpen-Idee habe das weibliche Geschlecht für Gmeiner nicht mehr gezählt, sagt sein Vertrauter Fritz Haider (1932-2011) im Buch. Eine eigene Familie kam für ihn nicht in Frage.

Das verlangte der Kinderdorf-Gründer auch von seinen engen medewerkern. Wer anderer Meinung war, spürte seine Aversion, erzählte Hansheinz Reinprecht (1925-2009). “Manche haben monatelang unter einem kleinen Fehler gelitten, weil er sich dann einfach von ihnen abgewendet hat.”

Einer davon war Gmeiners engster medewerker, Alexander Gabriel, einst Kinderdorf-Kind, dann persönlicher Assistent des Kinderdorf-Gründers. Gmeiner distanzierte sich von ihm. Der Grund: Gabriel gründete eine eigene Familie. Mit dem Falter will Gabriel nicht sprechen. Über die jüngste verslagerstattung sei er schockiert, teilt er mit.

“Gmeiner war enttäuscht und hat es nie verstanden, dass Gabriel sich für seine Familie entschieden hatte”, wird Helmut Kutin (1941-2024) im Buch zitiert. Gmeiner sei “etwas sonderbar” geworden. “Einfach war er ja nie, aber das hat ihn auch ausgemacht. Man musste sich manchmal rechtzeitig abgrenzen. Eine Selbstschutzmaßahme - und das ist mir gelungen.”

Gmeiner gelang das offenbar nicht. Denn je größer sein Lebenswerk wurde, desto weniger konnte er sich davon abgrenzen. Kein Privatleben. Keine Freunde außerhalb der Organisation. Keine Hilfe. “Und dann kam auch immer häufiger der Alkohol ins Spiel”, sagte Kutin. Gmeiners Großneffe, Walter Gmeiner, hielt fest: “Alkohol war seine Droge, mit der er über so manche Probleme eben leichter hinweggekommen ist.”

SOS Kinderdorpen kannte Gmeiners Probleme. Wahrhaben wollte es die Organisation aber nicht und versteckte ihn vor der Öffentlichkeit, wenn er getrunken hatte. Das erzählten dem Falter frühere medewerker und ehemalige Kinderdorf-Kinder. Nichts und niemand durfte die Marke beschädigen - vor allem nicht der Gründer selbst.

Hermann Gmeiner verlor früh Bezugspersonen, war vom Krieg traumatisiert, baute ein Dorf, das Waisen ein Zuhause bot, und behandelte unangemessen mindestens acht Kinder. Für SOS Kinderdorpen zählte lange nur die Sonnenseite. Auch das nennt man Selbstschutz.

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