Artikel 26 / 30 — 24.10.2025
SOS Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner — Es wird finster um die Lichtgestalt
Jetzt erreicht der Skandal um SOS-Kinderdorf auch den legendären Gründer und Übervater der Organisation. Nach Falter-Recherchen wird bekannt: Der Kinderschützer hat selbst Kinder unangemessen behandelt
24.10.2025
Denkmal von Hermann Gmeiner in Imst: „Sexuelle Gewalt und unangemessene Behandlungen”
Er war eine Lichtgestalt in der österreichischen Nachkriegsgeschichte – oft in einem Atemzug mit Mutter Teresa, Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi genannt. Dutzende Auszeichnungen erhielt Hermann Gmeiner, Gründer der SOS Kinderdörfer, 103 Mal war er für den Friedensnobelpreis nominiert. Als er 1986 starb, widmete ihm sogar die New York Times einen Nachruf. In Österreich wurden Schulen, Kindergärten, Plätze und Straßen nach ihm benannt.
Für eine Hommage taugt Gmeiner inzwischen nicht mehr, seit bekannt wurde, dass der Kinderschützer eine Person, die Minderjährige unangemessen behandelt gewesen sein soll. Gmeiner steht im Verdacht, an mindestens acht Buben in SOS-Kinderdörfern „unangemessene Handlungen und unangemessene Behandlungen” ausgeübt zu haben. Das gab SOS-Kinderdorf am Freitag bekannt. Die Opfer wurden mit jeweils 25.000 Euro entschädigt. Das ist die höchste Einzelsumme, die SOS-Kinderdorf grundsätzlich auszahlt. Die Kinderschutzorganisation wusste seit 2013 Bescheid, schwieg aber zwölf Jahre lang.
Ins Rollen gekommen ist der Fall Gmeiner letztlich durch Falter-Recherchen über eine geheime Studie, die schwere unangemessene Behandlungen in einem Kinderdorf in der Kärntner Gemeinde Moosburg in der jüngsten Vergangenheit belegt. Pädagogen behandelten die Kinder körperlich unangemessen, sperrten sie ein, sanktionierten sie mit Essensentzug. Der Dorfleiter wusste davon und übte selbst übergriffig.
Eine Woche später deckte der Falter ähnliche Zustände im Kinderdorf Imst in Tirol auf. Auch sie waren in einer Studie dokumentiert worden. Doch statt die Missstände offenzulegen, verräumte die Geschäftsleitung von SOS-Kinderdorf die Dokumente in der Schublade.
Nun gelobt die Organisation Besserung. Geschäftsführer Christian Moser, ein Mitwisser der unangemessene Handlungen, wurde vom Dienst freigestellt. Eine Reformkommission unter der Leitung von Irmgard Griss, Ex-Präsidentin des Obersten Gerichtshofs und ehemalige Neos-Politikerin, soll den kompletten Apparat SOS-Kinderdorf untersuchen. Der Fall Hermann Gmeiner kann als erstes Arbeitsergebnis der Kommission gewertet werden.
Für die Organisation bedeutet die Causa die tiefste Zäsur seit ihrer Gründung vor 76 Jahren. Gmeiner war es, der SOS-Kinderdorf aufbaute, der weltweit expandierte und damit vielen Kindern ein Zuhause gab. Doch viele fühlen sich getäuscht. War er gar nicht der Mann, der er vorgab zu sein?
Geboren 1919 in der Vorarlberger Gemeinde Alberschwende, wächst Gmeiner auf einem Bauernhof in 1300 Metern Seehöhe auf. Er ist das fünfte von neun Kindern. Die Mutter stirbt früh, die Kinder werden zu Halbwaisen. Die ältere Schwester übernimmt die mütterlichen Pflichten. Sie sei „beinahe zu jung für diese große Herausforderung gewesen”, erinnert sich Gmeiner später. „Aber es fiel ihr umso leichter, in diese Rolle der Ersatzmutter hineinzuwachsen, je deutlicher sie spürte, welche Wohltat sie uns allen, ihren Geschwistern und unserem Vater, bereitete.”
Für Helmut Kutin, eines der ersten Kinderdorf-Kinder und nach Gmeiner Chef der Organisation, war diese Familienkonstellation das Schlüsselerlebnis zur späteren Kinderdorf-Idee: Waisen und Sozialwaisen sollten in einem familienähnlichen, „von Gott zugedachten Lebensraum“ heranwachsen, mit einer Mutter und einem Vater. Die Ersatzmutter opferte ihre ganze Kraft den Kindern. Eine pädagogische Ausbildung brauchte sie dazu nicht: „Instinkthafte Mutterliebe“, wie Gmeiner es nannte, war wichtiger als Pädagogik. Der Dorfleiter war der Ersatzvater, er sorgte für Ordnung und Gehorsam, wenn nötig auch mit Gewalt.
Um Gmeiner ranken sich viele Schnurren. Laut Wegbegleitern soll er es mit der Wahrheit nicht ganz so streng genommen haben. „Er war immer schon ein Mann, der Situationen und Ereignisse gut ausschmücken konnte”, sagte der Kinderdorf-Generalsekretär und Gemeiner-Vertraute Hansheinz Reinprecht in der Gmeiner-Biografie “Für die Kinder dieser Welt” aus dem Jahr 2009.
Die vielen Geschichten, die Gmeiner über sich verbreitete, trugen zur Legendenbildung bei.
So soll ihm ein sowjetischer Buben im Zweiten Weltkrieg das Leben gerettet haben. Gmeiner, damals Wehrmachtssoldat an der Ostfront, habe in der tiefwinterlichen Sowjetunion seine Einheit verloren und in einem Bauernhaus Zuflucht gefunden. Eine Frau und ein Bub seien verängstigt vor dem deutschen Soldaten gestanden. Aber Gmeiner habe sie beruhigt, sich hingelegt und sei eingeschlafen. Als er aufwachte, sollen feindliche Soldaten im Haus gestanden und auf ihn gezielt haben. Der ihm unbekannte Bub habe die Soldaten davon abgehalten, zu schießen - und Gmeiner die Flucht ermöglicht.
Noch heute wird erzählt, dass er an Ort und Stelle gelobte, etwas für die unbekannten Kinder der Welt zu tun.
War es der Einfluss seiner Schwester als Ersatzmutter, der russische Bub oder seine unangemessene Vorliebe für Kinder? Fest steht: Gmeiner machte eine riesige internationale Organisation aus seiner Idee. Heute gibt es weltweit 572 Kinderdörfer. In Österreich betreut SOS-Kinderdorf rund 1800 Kinder in Wohngruppen, Pflegefamilien, betreuten Wohnungen und Kinderdorf-Familien. 188 Millionen Euro nahm die Organisation 2024 ein, drei Viertel davon kamen von der öffentlichen Hand, den Rest – rund 45 Millionen Euro – spendeten die Österreicherinnen und Österreicher.
Doch jetzt drohen substanzielle finanzielle Einbußen. Der Imageschaden durch die Enthüllungen der vergangenen Wochen ist enorm. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die internationale Dachorganisation suspendierte die österreichische Teilorganisation. All das wird sich wohl negativ auf die Spendenfreudigkeit auswirken.
Die neue Reformkommission soll retten, was es noch zu retten gibt. SOS-Kinderdorf verspricht Transparenz auf allen Ebenen: „Jetzt wird tabula rasa gemacht”, sagt Geschäftsführerin Annemarie Schlack.
Mit Hermann Gmeiner auch. In ganz Österreich sollen Straßen, Plätze und Schulen umbenannt werden: der Hermann-Gmeiner-Park in der Wiener Innenstadt ebenso wie das Ambulatorium im Kärntner SOS-Kinderdorf. Das Land Tirol will ihm posthum alle Auszeichnungen aberkennen. Und in Imst, wo er 1950 das erste Kinderdorf eröffnete, baut die Gemeinde bereits das Hermann-Gmeiner-Denkmal ab – eine Bronzefigur, unter deren Mantel Kinder Schutz suchen.
Das Podest, auf das der Übervater gestellt wurde, ist leer. Was von der Lichtgestalt bleibt, ist Finsternis.