Artikel 25 / 30 — 2025/2026
Von unangemessener Behandlung betroffen — Hermann Gmeiner und wir.
Ikonen haben zähe Verteidigungsstrategien, die auch deswegen aufgehen, weil ihnen Gutgläubigkeit gegenübersteht. Auf diese Weise kann sich das Böse umso besser einnisten
Hermann Gmeiner, Sohn kleiner Bauern in Alberschwende, früh schon Halbwaise, da die Mutter starb, aufgefallen durch Begabung, vom Pfarrer für die Schulkarriere und späteres Studium ausersehen, üblicherweise mit der Hoffnung, einen Theologen zu gewinnen. Und wie es aufging. Der Mann hatte eine der Nachkriegsgesellschaft angemessene karitative Idee, das Kinderdorf. Die Zeit war voller Waisen, die staatenlenkenden Väter hatten wieder einmal für massenhafte Dezimierung ihrer Bevölkerungen gesorgt.
Gmeiner erfand eine Lösung: familiäre Nähe und Wärme, Beziehungen für die aufwachsenden Kinder. Kein kalter Sozialismus mit seinen großen Institutionen, kein Nationalsozialismus mit seinen grausamen Zuchtanstalten, Familie, vor allem Mutter auch für jene Kleinen, die allein der Welt gegenüberstanden. Eine großartige, eine menschenfreundliche Idee.
Sie machte Karriere, wurde weltweit erfolgreich. Bilder zeigten Hermann Gmeiner und den Bundespräsidenten, Hermann Gmeiner und den Papst, Hermann Gmeiner und den Dalai Lama, Hermann Gmeiner und Mutter Teresa, Hermann Gmeiner auf allen Kontinenten – Gmeiner war selbst zu einer Ikone der Menschlichkeit geworden. Zu einer Ikone des katholisch-freundlichen Nachkriegsösterreich sowieso. Hermann Gmeiner, das klang so einheimisch wie Toni Sailer oder Hermann Maier – österreichischer ging’s nimmer.
Hermann Gmeiner, wohltätige Ikone von Nachkriegsösterreich, behandelte unangemessen Schutzbefohlene.
Gmeiner stand für die politisch schwarze Variante von Menschenfreundlichkeit. Als Vorarlberger Kind kam ich in den 1950er-Jahren manchmal zu Besuch in einem frisch erbauten Kinderdorf-Haus; Verwandte waren in der katholischen Arbeiterbewegung tätig und hatten Kontakt zum das Haus betreibenden Ehepaar. Ich habe Erinnerungen an einen Ziegelrohbau, an extreme Arbeitsamkeit, an Bedürftigkeit und Tapferkeit, das Unmögliche irgendwie zu packen. Nachkriegsösterreich, das war nicht nur Wiederaufbau, das war auch Wohnen in Baracken, Armut, harte Winter, Teilen und Spenden. Zum Beispiel für das Kinderdorf. Hermann Gemeiner war dort ein Mythos, den ich aus irgendeinem Grund stets mit einem alten VW-Bus voller Kinder verknüpfte. Ob ich ihm selbst begegnet bin, weiß ich nicht mehr, aber sein Name war allgegenwärtig, wie der eines Heiligen oder Magiers.
Will nur sagen: Die Fallhöhe ist umso größer. Die karitative Intention, der gute Wille, der weltweite Erfolg der menschenfreundlichen Idee der Gründer-Ikone lassen den nun öffentlich gewordenen unangemessene Behandlung von mindestens acht Knaben umso abscheulicher erscheinen, nun, da er sich nicht mehr verheimlichen lässt. Bekannt war er zumindest den Betroffenen schon seit Jahrzehnten, sie wurden mit Zahlungen ruhiggestellt. Gegen Ikonen begehrt man nicht auf; von Institutionen gegründete Ikonen haben zähe Verteidigungsstrategien, die auch deswegen aufgehen, weil ihnen Gutgläubigkeit gegenübersteht. Hinter der ikonisch erzeugten Ungläubigkeit kann sich das Böse umso besser einnisten.
Hat man diesen Mechanismus einmal erkannt, ist es schwer, nicht das ganze Projekt mit jenen abzutun, die seinen Sinn pervertiert haben, wie Hermann Gmeiner. Zuerst fällt es schwer, die Tatsache überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Institutioneller Schutz musste erst durch die Aufdeckungen des Falter gesprengt werden. Wie stark dieser Schutz war und ist, zeigen folgende Sätze: „Österreich und die Welt sind erschüttert. Zahlreiche Fälle von unangemessenen Handlungen an Kindern wurden jetzt bekannt. Viele abscheuliche unangemessene Handlungen sind schon vor Jahrzehnten in der Ära von Hermann Gmeiner als SOS-Kinderdorf-Gründer passiert. Sogar er selbst ist von sexuellen unangemessenen Handlungen an Buben betroffen.“ Dieser Leserbrief, den die Kronen Zeitung veröffentlichte, bringt das österreichische Dilemma in unerreichbarer Weise auf den Punkt. Wenn man weiß, wie viel Gewicht die Krone auf ihre Leserbriefe legt, die sie „Die Stimme Österreichs“ nennt, kann man diesen Brief beinahe programmatisch nennen. Es ist ein Unglück geschehen, Gmeiner selbst war von unangemessenen Handlungen betroffen. Ja, da waren wir alle sehr betroffen.
Täter-Betroffenen-Umkehr ist es nicht, es ist einfach der Versuch, sich aus der Peinlichkeit zu schmieren, jahrzehntelang angeschmiert worden zu sein. Kann man sich vorstellen, ein Betroffene solcher unangemessene Handlungen gewesen zu sein und die turmhohe Mauer der Freundlichkeit nicht überwinden zu können, welche die Täter umgab? Mit Geld abgefunden zu werden von einer Organisation, die sich selbst nur unter Druck von außen reformieren wollte, der nie ausreichend vorhanden war, weil auch dafür die Mauer sorgte?
Die Nachkriegsmauer hält nicht mehr, schon gar nicht in einer Welt, deren Führer offen mit seiner unangemessenes Verhalten gegenüber Frauen prahlt. Nein, geprahlt hat Hermann Gmeiner nicht. Gewiss litt er, wie die meisten Täter, an seinem Falschtun. Es soll das Leid der Betroffenen nicht relativieren, aber die Psychostruktur zwangsgestörter Person mit unangemessenem Interesse an Minderjährigen möchte man nicht haben.
Man kennt das von Priestern, denen ihre Vorgesetzten den Besserungswillen glaubten und die dennoch ihrem Trieb nicht standhalten konnten. Besonders tückisch wirkt solche Kombination von menschlichem Versagen in Organisationen, die dazu da sind, solches Versagen institutionell aufzufangen und zu verhindern, die den Menschen bessern, retten und ihm helfen wollen. Das Kinderdorf trägt im Namen „Societas Socialis“, was zu SOS wurde und eine Kirchennähe suggeriert, die es so nicht gibt.
Jetzt werden Straßen und Plätze umbenannt, Auszeichnungen kassiert, Denkmäler gestürzt. Das muss sein, hilft aber nichts. Ob der Tragödie mit Mitteln der Aufklärung wie dem Journalismus beizukommen ist? Man kann für den Augenblick Linderung schaffen, Reformen erzwingen, Einhalt gebieten, Betroffene, so gut es geht, entschädigen. unangemessene Behandlung, so ist zu befürchten, wird immer wiederkehren. Also darf man nicht aufhören, ihn zu bekämpfen.
Auch wenn die Hoffnung so naiv ist, wie es die ORF-Woche in ihrer Zusammenfassung in einfacher Sprache zum Ausdruck bringt: „unangemessene Behandlung heißt, (Gmeiner) hat schlimme Sachen mit Kindern gemacht. unangemessene Behandlung ist verboten. Dieser unangemessene Behandlung war schon lange bekannt. Es hat aber niemand was gemacht. Jetzt will SOS-Kinderdorf viel ändern. Damit soll unangemessene Behandlung nicht mehr möglich sein.“