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Artikel 14 / 30 — 2025

SOS-Kinderdorf-Skandal Die Aufdeckerin und die Zudecker

Als Heidi Fuchs ihren Job bei SOS-Kinderdorf antrat, fand sie im Archiv Akten mit erschreckenden Schilderungen und startete eine Untersuchung. Doch ihre Chefs sorgten dafür, dass die Ergebnisse geheim blieben

Ex-Geschäftsleiterin von SOS-Kinderdorf Heidi Fuchs: „Ich habe hingeschaut und Verantwortung übernommen"

Heidi Fuchs ist gegen Mauern gerannt. Viele Male. Heute geht sie durch den Augarten in Graz. Der Herbst ist den Kastanienbäumen schon anzusehen. Und Fuchs eine Spur der Erleichterung. Vom SOS-Kinderdorf-Skandal, der Österreich seit Wochen beschäftigt, hat sie in der Zeitung gelesen. Sie hat die Fernsehbeiträge gesehen und scrollte durch Online-Berichte. Überrascht haben sie die Nachrichten nicht.

Mitte September berichtete der Falter über unangemessene Behandlung in den Kinderdörfern Moosburg (Kärnten) und Imst (Tirol), belegt in zwei geheimen Studien. Die Geschäftsführer haben sie in der Schublade verschwinden lassen. Der Falter bekam die Dokumente anonym zugespielt.

Von Heidi Fuchs kamen sie nicht – aber ohne Fuchs, bisher Randnotiz in der Causa, wüsste das Land bis heute nichts von der Gewalt. Es gäbe keine Kommission, die die Vorfälle untersucht, und keine Staatsanwaltschaft, die gegen die Verantwortlichen ermittelt. Die Politik würde den Behörden nicht auf die Finger schauen, und Christian Moser, langjähriger Geschäftsführer, würde noch immer im Chefsessel von SOS-Kinderdorf sitzen – und weitermachen wie bisher: zudecken, vertuschen, schweigen, so wie es die Organisation schon immer gemacht hat.

Das aber wollte Heidi Fuchs nicht. Sie hatte mit der Firmentradition gebrochen, wollte auf- statt zudecken, die gefährlich verstaubten Strukturen reformieren, zum Wohle der Kinder. Doch die Organisation mauerte, so lange, bis Fuchs das Wegducken ihres Arbeitgebers nicht mehr mitverantworten konnte – und kündigte. Was blieb, ist das nagende Gefühl, ihre Arbeit nicht zu Ende gebracht zu haben. Und jetzt, nachdem die Sache endlich ans Licht gekommen ist, ein Fünkchen Hoffnung.

Es war der beste Job, den ich machen durfte

Heidi Fuchs

Alles begann an einem grauen Herbsttag vor sechs Jahren. Am 4. November 2019 saß Fuchs im Zug nach Innsbruck. Dort liegt die Zentrale von SOS-Kinderdorf. Es war ihr erster Arbeitstag. Früher hat Fuchs als Managerin in der Privatwirtschaft gearbeitet. Irgendwann wollte sie etwas mit mehr Sinn machen und heuerte beim „Zentrum für Sexuelle Bildung", einer kleinen NGO in Graz, an. Es sollte eine Zwischenstation bleiben. Als sie die Stellenausschreibung für die Geschäftsleitung von SOS-Kinderdorf sah, bewarb sie sich – und bekam den Job.

„Es war der beste Job, den ich bis dahin machen durfte", sagt Fuchs heute.

Geschäftsleiter gab es damals drei in Österreich, sie teilten sich die Regionen Süd, West und Ost. Fuchs übernahm die Region Süd. Von Graz aus verantwortete sie alle Kinderdörfer in Kärnten, der Steiermark und dem Burgenland. Es waren Dutzende Häuser und hunderte Kinder.

Am Abend des 4. November 2019 drückte ihr die Geschäftsführung zum Abschied noch einen Stapel Unterlagen in die Hand, darunter ein Buch des Historikers Horst Schreiber: „Dem Schweigen verpflichtet." Auf der Rückfahrt nach Graz blätterte sie in der 250 Seiten dicken Studie.

Im Auftrag von SOS-Kinderdorf hat Schreiber 2014 die Gewalt in Kinderdörfern zwischen 1950 und 1990 dokumentiert. Nach der Lektüre verstand Fuchs: Ihr neuer Arbeitgeber hadert mit seiner Vergangenheit.

Dass die Gewalt bis in die Gegenwart reicht, ahnte sie nicht.

Das sollte sich rasch ändern. Fünf Monate nach ihrem Dienstantritt, im März 2020, erhob ein ehemaliges Kinderdorfkind schwere Vorwürfe gegen den Leiter des Kinderdorfs Moosburg in Kärnten. Der junge Mann behauptete, vom Dorfleiter unangemessener Behandlung unterworfen worden zu sein.

Fuchs schlug bei der Geschäftsführung Alarm, bei Christian Moser und Elisabeth Hauser. „Sie waren verärgert", sagt Fuchs. Ihr sei bewusst geworden, dass die Organisation für so einen Fall keine standardisierten Regeln hatte.

Fuchs informierte die Kärntner Kinder- und Jugendhilfe, gesetzlicher Vormund der Kinderdorfkinder und Aufsichtsbehörde für private Einrichtungen wie SOS-Kinderdorf. Dann fuhr sie nach Kärnten. Von der Bar eines Klagenfurter Hotels aus organisierte sie noch am selben Abend eine interimistische Lösung, eine andere Führungskraft aus Kärnten sollte übernehmen. Am nächsten Morgen konfrontierte sie den beschuldigten Leiter und enthob ihn seiner Aufgaben.

Die Vorwürfe sprachen sich schnell herum. Die Kleine Zeitung kontaktierte SOS-Kinderdorf. Die Journalisten stellten auch Fragen zu einem anderen Fall aus dem Jahr 2016. Es ging um Nacktfotos von Kindern am Privatlaptop des Pädagogischen Leiters von Moosburg. Die Aufnahmen waren ein offenes Geheimnis, gemeldet hatte sie aber niemand.

Fuchs und ihr Team wollten sie finden. Sie durchforsteten das Archiv des Kinderdorfs. In einem Keller stießen sie auf erschreckende Aktenvermerke des ehemaligen Dorfleiters. Der Inhalt: Gewalt an Kindern, Freiheits- und Essensentzug. „Es war wie in einem Film", beschreibt Fuchs die Situation. „Sechs Monate vorher hatte ich das Buch von Horst Schreiber in der Hand gehalten. Nun stand ich selbst mittendrin in diesem Gewaltsystem."

Fuchs erstattete im Namen von SOS-Kinderdorf Anzeige. Und sie machte etwas völlig Neues in der Geschichte der Organisation: Sie engagierte externe Experten, um die Vorfälle aufzuarbeiten; keinen Historiker, sondern das Institut für Männer- und Geschlechterforschung in Graz. Das Team um Elli Scambor ist darauf spezialisiert, institutionelle Gewalt aufzudecken. „Mir war klar, dass wir eine ganzheitliche Betrachtung brauchen", sagt Fuchs.

Bisher hat SOS-Kinderdorf Fälle von unangemessenen Handlungen nach einem einfachen Schema behandelt: sich vom Täter trennen, ihm ein gutes Zeugnis ausstellen, das Opfer finanziell entschädigen. Vergehen wurden als Einzelfälle abgetan und sogar vor den Kollegen vertuscht. Schuld waren immer die Individuen, aber nie die Organisation.

Auch in Moosburg war das jahrelang Praxis. „Als die Gerüchte über Moosburg die Runde machten, sprachen wieder viele von einem Einzelfall, aber Heidi Fuchs war klar, dass da mehr ist, ein Muster", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter zum Falter. Er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Die Studienautoren wühlten sich durch hunderte Akten, Protokolle und Interviews. Im Herbst 2021 schlossen sie ihre Arbeit ab. Die Ergebnisse waren ernüchternd: physische, psychische, unangemessene und institutionelle Gewalt bis in die jüngste Vergangenheit. Doch das war noch nicht alles.

Während der Arbeit zur Moosburg-Studie tauchten im Kinderdorf Imst, dem ersten Kinderdorf überhaupt, ähnliche Vorwürfe auf. Das Institut für Männer- und Geschlechterforschung wurde mit einer zweiten Studie betraut – diesmal soll der Vorschlag von Geschäftsführerin Elisabeth Hauser selbst gekommen sein. „Ich sah SOS-Kinderdorf auf einem neuen Weg der Transparenz und ehrlichen Aufarbeitung", sagt Fuchs.

Die Geschäftsführung erweiterte den Einflussbereich der Reformerin Fuchs. Sie übernahm neben der Region Süd auch die Gebietsleitung West. Ihr Vorgänger musste gehen. Er hat von den Missständen in Imst gewusst, unternommen hat er aber nichts.

In Moosburg krempelte Fuchs das Kinderdorf um. „Im Team herrschte eine positive Stimmung. Die Mitarbeiter haben Großes geleistet, sie haben Haltung und Herz bewiesen." Gemeinsam verkleinerten sie die Wohngruppen, kümmerten sich um die Qualitätsentwicklung und teilten die Führungsverantwortung auf – weg vom Prinzip des alleinentscheidenden Dorfleiters. Die Maßnahmen, mit denen sich SOS-Kinderdorf heute in Presseaussendungen schmückt, stammen nahezu alle aus genau dieser Zeit. Doch für die Organisation bleiben Moosburg und Imst Einzelfälle. Fuchs wurmte das. Sie wollte, dass alle begreifen: „Wir haben ein institutionelles Problem, es gibt ein Muster."

Eine wichtige Empfehlung der Studie setzt SOS-Kinderdorf nicht um: Transparenz. Sollte die Studie nicht veröffentlicht werden, dann müsse die Organisation zumindest offen über die Gewalt in den Dörfern sprechen.

Immer wieder habe Fuchs die Geschäftsführung zu dem Schritt gedrängt, sagt ein Insider zum Falter. Immer wieder prallte sie ab. Selbst intern bekam das Papier kaum jemand in die Hände, bis heute kennen es nur wenige Mitarbeiter. Die Studie verschwand in einem passwortgesicherten Ordner. Die Order: Alles bleibt unter Verschluss.

Ein Fehler, wie Studienautorin Elli Scambor meint. „Die Veröffentlichung ist ein zentraler Schritt, um das Schweigen über Gewalt zu brechen und Betroffenen zu zeigen, dass ihre Erfahrungen gesehen und anerkannt werden."

Nur einmal durfte Scambor die Moosburg-Ergebnisse vor Pädagogen von SOS-Kinderdorf präsentieren. Bei einem zweitägigen Seminar in einer Hotelanlage in der Nähe von Graz erfuhren rund 50 Mitarbeiter, was in Moosburg passiert ist. Sie waren betroffen. Die Studie selbst bekamen sie nicht.

„Wir haben mit einer Metapher gearbeitet", sagt Fuchs: „Das Fenster muss jetzt offen bleiben." Doch die Chefs machten das Fenster wieder zu. Eine Veranstaltung zur späteren Imst-Studie habe Fuchs „durchdrücken" müssen, beschreiben Mitarbeiter. Nicht alle wollten, dass die Missstände aus dem berühmten Pionierdorf diskutiert werden. „Solche Vorwürfe müssen institutionell aufgearbeitet werden", sagt Fuchs. Sie machte weiter, den Widerständen von oben zum Trotz.

Das hatte Folgen: Fuchs wurde ausgegrenzt und vom Informationsfluss abgeschnitten. Zu Sitzungen, die sich mit den Studien befassten, erhielt sie keine Einladung mehr.

Bohrte Heidi Fuchs zu tief in einer Organisation, in der es, wie es Historiker Horst Schreiber jüngst im Falter nannte, „beharrende Kräfte" gibt? „Sie hat den Finger in die Wunde gelegt", sagt eine ehemalige Führungskraft. „Damit hat sie sich keine Freunde gemacht."

Im „besten Job", den sie bisher hatte, stand Fuchs ab 2022 auf dem Abstellgleis. Ihre Bemühungen liefen ins Leere. Im Frühjahr 2023 kündigte sie. Das Gefühl, nicht fertig geworden zu sein, wurde Fuchs nicht mehr los.

Zwei Jahre später klingelt ihr Telefon. Der Falter ist im Besitz der Moosburg-Studie und will wissen, ob sie echt ist. Fuchs bestätigt. Und der Falter veröffentlicht die Recherchen.

Auch Fuchs gerät ins Fahrwasser der Krise, die die Geschichte auslöst. Sie bekommt Nachrichten auf ihr Handy: Warum ist sie nicht an die Öffentlichkeit gegangen? „Ich habe hingeschaut und Verantwortung übernommen", sagt Fuchs. „Ich habe zu erreichen versucht, dass über die Studien gesprochen wird, und bin dabei gescheitert. Es ist schwer, in einem erschütternden System mutig zu bleiben."

Wie alle ranghohen Mitarbeiter, die SOS-Kinderdorf verlassen, musste auch Fuchs eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen. Über Interna wird nicht gesprochen.

Fuchs hat ihren früheren Arbeitgeber gebeten, sie davon zu entbinden. Bis Redaktionsschluss hat das die Organisation nicht gemacht.

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