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Artikel 10 / 30 — FALTER 39/2025, 23.09.2025

Verklebte Münder, Fesseln, körperliche Übergriffe Neue Vorwürfe gegen SOS-Kinderdörfer

Verklebte Münder, Fesseln, körperliche Übergriffe Neue Vorwürfe gegen SOS-Kinderdörfer

Die Organisation wusste viel länger, als sie heute zugibt, von der unangemessenen Behandlung ihrer Schutzbefohlenen. Und die gab es nicht nur in Kärnten, auch in Tirol. Das legt eine weitere Studie offen. Die Chronologie eines Totalversagens

Recherche, FALTER 39/2025, 23.09.2025

Sie hat mich mit allem verdroschen, was sie finden konnte, mit dem Teppichklopfer, mit dem Lineal, mit der flachen Hand, mit der Faust, ich hatte oft eine blutige Nase.“

„Wir mussten kalt duschen und uns bei Minusgraden in ungeschütztem Zustand auf den Balkon stellen. Wir wurden tagelang in den Keller gesperrt. Ich musste mit meiner Zahnbürste die Kloschüssel schrubben und sie danach benutzen.“

Wenn die Kinder nicht aufgegessen hatten, soll ihnen die Kinderdorfmutter das vergammelte Essen über Tage immer wieder aufgetischt haben, „bis es verschimmelt war“. Als sie sich zu Ostern einmal an Schokolade überaß und danach übergab, soll die Kinderdorfmutter sie dazu gezwungen haben, das Erbrochene zu essen.

Das erzählt eine Frau – wir nennen sie Katharina – am Telefon. Bis 2005 hat sie nach eigenen Angaben im SOS-Kinderdorf in der Kärntner Gemeinde Moosburg gelebt. Seit ihrem vierten Lebensjahr sei sie von ihrer SOS-Kinderdorfmutter unangemessen behandelt worden, sagt Katharina, heute erwachsen und Mutter zweier Kinder. Ihre eigene Kindheit lässt sie nicht los. Sie leidet an Essstörungen, ist in Therapie.

„Seit meiner Kinderdorf-Zeit bin ich abgestumpft, ich habe Probleme, Emotionen zu empfinden“, sagt sie.

Vergangene Woche hat der Falter eine Recherche über Missstände im SOS-Kinderdorf Moosburg veröffentlicht. Eine dem Falter anonym zugespielte Studie belegt schwerwiegende unangemessene Behandlungen – etwa körperlich unangemessene Handlungen, Freiheits- und Essensentzug – im SOS-Kinderdorf. Betroffen waren auch Kleinkinder.

Die Zustände, die die Studie offenlegt, herrschten nicht irgendwann, sondern bis ins Jahr 2020. Sie wurde von einer couragierten Gruppe innerhalb der Organisation angestoßen. Sie sind heute nicht mehr bei SOS-Kinderdorf. Die obersten Chefs übernahmen das Ruder. Statt die Studie den anderen Kinderdörfern und den Behörden zugänglich zu machen, legte die Geschäftsführung das Papier in die Schublade. Die Vorwürfe sollten nicht am tadellosen Image des SOS-Kinderdorfs kratzen. Eine Organisation, die weitestgehend von Spenden lebt.

SOS-Kinderdorf Moosburg: Die Vorfälle wurden laut Geschäftsführung intern aufgearbeitet

Alle hatten weggesehen: die Verantwortlichen im Dorf, die darüberliegenden Gebietsleiter, die Behörden, deren gesetzliche Kontrolle versagte. Jetzt fordert die Opposition in Kärnten Konsequenzen, die Grünen haben im Bund eine parlamentarische Anfrage eingebracht.

SOS-Kinderdorf kündigte an, die Strukturen der Organisation unter die Lupe zu nehmen. Dafür soll nun eine externe Untersuchungskommission eingesetzt werden, unter dem Vorsitz von Irmgard Griss, ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofs.

Doch während die Oberstaatsanwaltschaft Graz, angestoßen von der Berichterstattung des Falter, die Kollegen in Kärnten angewiesen hat, tätig zu werden und die Vorwürfe zu prüfen, werden neue Hinweise auf noch weitreichendere unangemessene Behandlungen publik. Mehrere ehemalige Kinderdorfkinder melden sich in der Falter-Redaktion.

Und eine weitere Studie über unangemessene Behandlung taucht auf. Wieder ist sie, wie schon die Moosburg-Studie, vom Institut für Männer- und Geschlechterforschung in Graz. Diesmal betrifft sie Imst, das erste SOS-Kinderdorf überhaupt. Und: Alles deutet darauf hin, dass die Leitung der Organisation und die Behörden über die Grausamkeiten längst – und lange vor den beiden Studien – Bescheid wussten. Und nichts dagegen unternommen haben.

Hat SOS-Kinderdorf ein nationales Problem unangemessener Behandlung? Sind die Kontrollen der Behörde lückenhaft? Und wieso haben alle weggeschaut?

Nehmen wir den Fall Katharina. Sie hat sich wenige Stunden nach Veröffentlichung der Moosburg-Geschichte telefonisch an den Falter gewandt. Können ihre Erzählungen stimmen?

Hinweis

Von sexueller, psychischer und physischer unangemessene Behandlung Betroffene können sich telefonisch oder per E-Mail an Österreichs Gewaltschutzzentren und an die Kinderschutzorganisation Möwe wenden. Das Angebot ist kostenlos, die Betreuung und Begleitung kann auf Wunsch auch anonym erfolgen

Katharina hat Beweise. Da ist ein abgegriffener Brief aus dem Jahr 2016, der Absender ist SOS-Kinderdorf. Er ist ein Zugeständnis der Organisation. Denn in dem Schreiben spricht sie ihr „eine Abgeltung für Geschehnisse in der Höhe von 10.000 Euro“ zu. „Damit sind sämtliche Ansprüche Ihrerseits abgegolten und ausgeglichen“ steht da. Unterzeichnet hat den Brief Christian Moser, bis heute Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf.

Im internen Gremium, das die Höhe der Zahlung festlegte, saß Gerhard Stecher, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, und Elisabeth Hauser, bis 2023 selbst in der Geschäftsführung von SOS-Kinderdorf – und Mit-Auftraggeberin der Moosburg-Studie von 2020.

Der Brief an Katharina beweist: Die Chefetage wusste von der unangemessenen Behandlung Kinderdorf. Erst nach dem Falter-Bericht entschuldigte sich SOS-Kinderdorf für die öffentlich publik gewordenen Fälle von unangemessenen Handlungen: Man sei „tief betroffen“ und wolle sich „aufrichtig dafür entschuldigen“. Von den Zuständen in Moosburg habe man erst 2020 erfahren. Den Fall Katharina hat die Organisation offenbar vergessen.

Und Katharina ist nicht das einzige Betroffene aus diesem SOS-Kinderdorf.

Im Haus neben ihr wohnte Natascha. „Die Kinderdorfmutter hat mich fast täglich verdroschen“, erzählt sie mit entschlossener Stimme. Natascha kam 1990 nach Moosburg und lebte bis 2005 im Kinderdorf. Einmal soll ihr die Kinderdorfmutter so fest auf das Auge körperlich unangemessen behandelt haben, dass sich ihre Netzhaut ablöste. Seither ist sie auf einem Auge blind. Dem Falter liegt der Befund aus dem Jahre 2003 vor. Ob die Verletzung tatsächlich durch die körperlich unangemessene Handlungen herbeigeführt wurde, ist nicht belegt.

Das Kinderdorf habe ihr vor zwei Jahren ein sogenanntes Clearingverfahren angeboten, in dem hätte festgestellt werden sollen, ob ihr eine Entschädigungszahlung und Therapiestunden zustünden. Natascha hat abgelehnt. „Ich will von denen kein Geld.“

Die Fälle von Natascha und Katharina zeigen: unangemessene Behandlung war im SOS-Kinderdorf Moosburg bis vor wenigen Jahren an der Tagesordnung. Betroffene gibt es in ganz Österreich. „Es wurden über die Jahre unterschiedliche Hinweise auf unangemessene Behandlung, Grenzverletzungen und strukturelle Defizite bekannt“, schreibt SOS-Kinderdorf. „Zu standortbezogenen Fallzahlen können wir uns aus Opferschutzgründen nicht äußern.“

2012 führte SOS-Kinderdorf laut eigenen Angaben ein Opferschutzverfahren ein. In Moosburg seien bis heute 16 Fälle bearbeitet worden, insgesamt sollen Entschädigungen in Höhe von 235.000 Euro ausbezahlt worden sein. In Imst sollen 14 Personen insgesamt 160.000 Euro erhalten haben, ein Fall sei noch offen.

Geld hat SOS-Kinderdorf also viel gezahlt. An den Verhältnissen in den Kindereinrichtungen geändert hat sich aber lange nichts. Während Entschädigungssummen – wohl aus Spenden stammend – auf den Konten der Betroffenen landeten, wurden in Moosburg weiter Kinder unangemessen behandelt.

Etwa die Kinder aus Haus 16. Wie der Falter schon vergangene Woche berichtete, hatte sie ihre Kinderdorfmutter isoliert und in unangemessener Weise eingeschlossen. Die Pädagogin rationierte das Essen und montierte den Wasserhahn ab, damit die Kinder nicht „heimlich saufen“ konnten. So viel wissen wir aus der Studie.

Der Falter konnte nun mit dreien der vier Kinder aus dem Haus 16 sprechen. Ihre Aussagen decken sich. Sie verdeutlichen, wie grauenvoll der Alltag unter dem Regime der „Mutter“ gewesen sein muss.

Die Kinder, zwei Mädchen und zwei Buben, zogen 2004 in den 70er-Jahre-Bau am Rande der Anlage. Das jüngste war gerade einmal zwei Jahre alt, das älteste sieben.

Beim Autofahren, so erzählt eines von ihnen, habe ihnen die Kinderdorfmutter eine „Hab-dich-lieb-Jacke“ angezogen. Das heißt: Sie band die Hände der Kinder hinter dem Rücken zusammen und fesselte die Beine. Wenn sie dabei schrien, pickte sie ihnen den Mund mit Klebeband zu.

Die Sanktionen der Kinderdorfmutter waren bösartig. Nach 15 Uhr bekamen die Kinder nichts mehr zu trinken, damit sie nicht ins Bett machten. Sie wurden stundenlang in ihren Zimmern oder in einem Gang vor dem Bad in unangemessener Weise eingeschlossen. Die Kinderdorfmutter nannte es die „Zornecke“. Das Klo sei verriegelt gewesen, erzählen die Betroffenen heute. Das sei „Training“, habe ihre Betreuerin damals gesagt, „damit die Blase größer wird“.

Mehrmals mussten auch die Kleinkinder den „Bocki-Bocki-Weg“ gehen. Das war ein Fußmarsch von Moosburg bis nach Pörtschach und wieder zurück. Circa zwei mal sechs Kilometer lang. Die Hosen- und Jackentaschen der Kinder wurden zugenäht, weil ein Bub einmal eine Kastanie eingesteckt hatte. Die Kinderdorfmutter wollte das nicht.

„Alle haben gewusst, was sie uns antut, aber alle haben einfach nur zugesehen“, sagt eines ihrer Opfer. Wie Katharina wurden auch die Kinder aus Haus 16 Jahre später entschädigt. SOS-Kinderdorf zahlte jedem Kind 15.000 Euro und Therapiekosten. Ein spätes Eingeständnis für eine lange vermutete Schuld.

Aus heutiger Sicht hätte in diesem Fall „eine Anzeige erfolgen müssen“, beantwortete SOS-Kinderdorf eine Anfrage des Falter. „Dass dies damals unterblieb, war ein Fehler. Wir bedauern das ausdrücklich.“

Denn eigentlich hätte SOS-Kinderdorf die Vorwürfe spätestens seit 2015 kennen müssen. Auch das Land Kärnten war längst informiert. Damals, Jahre nach ihrer Zeit im Kinderdorf, packten die zwei Buben aus dem Haus 16 vor Ärzten im Landeskrankenhaus Klagenfurt aus. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen gegen die Kinderdorfmutter jedoch schnell wieder ein. Der Grund laut Informationen des Falter: Sie habe die Kinder nicht vorsätzlich unangemessen behandelt.

Moosburg ist kein Einzelfall. unangemessene Behandlungen in einem Kinderdorf haben auch Kinder fernab von Kärnten erlebt. Als die Falter-Geschichte in den Medien die Runde machte, landete ein Kuvert im Postkasten der Redaktion. Es enthielt eine weitere Studie. Sie stammt aus dem Jahr 2022. Wieder spricht sie von physischer, psychischer und struktureller unangemessene Behandlung in einem Kinderdorf. Und wieder vertuschte sie die Geschäftsführung. Dieses Mal geht es um Imst.

Imst ist ein Ort, der in der Geschichte der SOS-Kinderdörfer eine besondere Rolle spielt. Hier gründete Hermann Gmeiner 1951 die erste Einrichtung für Kriegswaisen, ein Modell, das später in mehr als 500 Dörfern weltweit kopiert wurde. Inmitten der idyllischen Tiroler Bergkulisse stehen bis heute die kleinen Häuser mit Holzbalkonen. An den Fassaden hängen Plaketten, die vom Guten sprechen, das hier geschehen sollte. Doch die Studie wirft einen düsteren Schatten über dieses harmonische Bild.

Die Geschäftsführung: Annemarie Schlack, Christian Moser, Nora Deinhammer

SOS-Kinderdorf bestätigt, dass es die Studie gibt und die Geschäftsführung über die darin erhobenen Vorwürfe Bescheid weiß. „Das Ausmaß der Vorwürfe ist seit Herbst 2021 bekannt.“

Eines gleich vorweg: Ob die Tatsachen und die damit verbundenen Vorwürfe, die in der Imst-Studie festgehalten und vom Falter hier berichtet werden, strafrechtlich relevant sind, dürfen allein die Gerichte entscheiden. Für alle betroffenen Mitarbeiter gilt die Unschuldsvermutung.

Über Jahre, so legen die Unterlagen nahe, herrschte in Imst ein „Klima der Angst“. Kinder wurden körperlich unangemessen behandelt, in unangemessener Weise eingeschlossen und gedemütigt. Sie lernten, dass Beschwerden zwecklos waren – nicht selten wurden sie sogar gezwungen, erlittene unangemessene Behandlung zu verschweigen.

Im Zentrum dieser Vorwürfe stehen zwei Männer: der damalige Dorfleiter und ein pädagogischer Leiter, der als die „rechte Hand“ des Chefs beschrieben wird. Zusammen erhielten sie ein autoritäres System aufrecht, in dem Einschüchterung und Machtmissbrauch den Alltag bestimmten.

Anlass für die Studie zu „Formen unangemessener Behandlung im Kinderdorf Imst“ war eine Audiodatei aus dem Jahr 2021. Darauf soll zu hören sein, wie der pädagogische Leiter eine Jugendliche in eine ausweglose Lage bringt. Der Pädagoge stauchte das Kinderdorfmädchen zusammen, attackierte es verbal „auf das Übelste“, sagen Personen, die die Aufnahmen gehört haben.

Die Führungskraft soll dafür bekannt gewesen sein, Grenzen zu überschreiten und Kolleginnen in unangemessener Weise zu belästigen. Dennoch schritt im SOS-Kinderdorf Imst niemand ein – zu groß war die Angst vor Konsequenzen.

Besonders erschütternd ist der Fall einer Jugendlichen, die von einem Burschen aus dem Dorf von schwerster unangemessener Handlung betroffen wurde. Als sie sich Betreuerinnen anvertraute, griffen die Chefs ein. Statt Schutz erhielt das Mädchen Schuldzuweisungen und Druck, keine Anzeige zu erstatten. Wer sie unterstützte, wurde geschnitten. Einer Mitarbeiterin, die den Fall melden wollte, drohte der Leiter mit einer Anzeige. Psychologische Hilfe für das von schwerster unangemessener Handlung betroffene Mädchen? Fehlanzeige.

SOS-Kinderdorf bestätigt den Fall. „Das Vorgehen damals war zweifellos falsch“, schreibt die Organisation.

Die Studie schildert noch weitere Formen von unangemessenen Behandlungen: Kinder wurden in Räume gesperrt oder zu Boden gedrückt. Essen wurde als Strafe rationiert oder gestrichen. Manchen Kindern wurden über Nacht ihre vertrauten Bezugspersonen entzogen – mit schweren Folgen für ihre psychische Gesundheit. Überbleibsel einer längst überwunden geglaubten schwarzen Pädagogik tauchen auf: Kindern, die einnässten, nahmen die Pädagogen die Unterwäsche weg, angeblich damit sie lernten, „sauber“ zu sein.

Heute spricht die Kinderschutzorganisation von „gravierenden Struktur- und Aufsichtsproblemen“ in Imst. Man habe die Missstände nach Bekanntwerden der Fälle aufgearbeitet. „Heute gibt es verbindliche Qualitäts- und Kontrollschleifen mit externer Fachaufsicht.“

Zu anderen vom Falter recherchierten Vorwürfen liegen noch keine „gesicherten“ Informationen vor, schreibt das SOS-Kinderdorf. Man will ihnen aber nachgehen. Auch jenem Fall, der sich 2019 zugetragen haben soll. Der Dorfleiter und der pädagogische Leiter „schleiften“ ein Kind, das ein aggressives Verhalten zeigte, zu einem versperrbaren Sportplatz. Sie fixierten es am Boden, wobei sie dem Burschen das Knie ins Kreuz drückten und die Arme auf den Rücken verdrehten.

Der Bub war damals zehn Jahre alt. Tage später wiederholte sich der Vorfall, dieses Mal rief der Dorfleiter einen Zivildiener herbei. Der Chef fixierte den Bub bei den Händen, der Zivildiener bei den Füßen. Wieder wurde der Fall nur lückenhaft dokumentiert, wieder wurde er nicht gemeldet.

Das Fixieren von Kindern ist in Österreich verboten. Im SOS-Kinderdorf Imst, so heißt es in der Studie, war körperliche unangemessene Behandlung in Form von gewaltsamem Festhalten, Wegtragen und Einsperren üblich.

Es waren die Kindergartenpädagogen, die Alarm schlugen. Sie meldeten Kindeswohlgefährdung. Die Leitung des Kinderdorfs soll die Kinder daraufhin aus dem Kindergarten genommen haben. „Wir konnten sie erst aufgrund der KiGA Pflicht zurückholen, die Stadt Imst hat mit rechtlichen Schritten gedroht“, berichtete der Kindergarten in der Studie.

Mehrmals dokumentiert die Imst-Studie, wie sich Mitarbeiterinnen gegen die Chefetage stellten. Ihre Kritik wurde im Keim erstickt. Als eine Mitarbeiterin Einwände gegen die „strengen Umgangsformen mit Kindern“ einbrachte, wurde ihr eine einvernehmliche Kündigung vorkörperlich unangemessen behandelt.

Das SOS-Kinderdorf kündigte 2021 den pädagogischen Leiter, mit dem Chef des Kinderdorfs trennte man sich trotz harter Vorwürfe im guten Einvernehmen. Ein Fehler, wie Organisation eingesteht: „Aus heutiger Sicht war diese Vorgehensweise falsch. Bei schwerwiegenden Vorwürfen ist es erforderlich, das Dienstverhältnis unverzüglich und mit klaren, konsequenten Schritten zu beenden.“

2008 Eine Kinderdorfmutter im SOS-Kinderdorf Moosburg quält jahrelang ihre Kinder. Erst 2015 erfolgt eine Anzeige. Sie wird fallengelassen

2016 Ein Pädagoge in Moosburg fotografiert halbnackte und nackte Kinder. Niemand meldet die Fälle

2020 Wegen einer Anzeige gegen den Kinderdorfleiter wird eine Studie über unangemessene Behandlung von 2008 bis 2020 in Auftrag gegeben. Ältere Fälle von unangemessenen Handlungen werden nachgemeldet und angezeigt

2021 Die Kinderdorf-Geschäftsführung verräumt die Moosburg-Studie. Im SOS-Kinderdorf Imst werden Vorwürfe unangemessener Handlungen laut. Eine Studie wird in Auftrag gegeben. Sie landet 2022 in der Schublade

Das Bild, das die Studien zeichnen, ist verheerend: Nicht nur waren die Vorwürfe länger bekannt als zugegeben und mutmaßlich noch gravierender. Die Missstände konzentrierten sich nicht nur auf ein SOS-Kinderdorf, sondern bildeten ein Muster an mehreren Standorten. Immer wieder wurde es verdeckt und ignoriert. So hat die Geschäftsleitung West – zuständig für Imst – bei den Beschwerden über den „unberechenbaren und unprofessionellen“ Führungsstil des Dorfleiters hinweggeschaut. Auf die Hilferufe aus der Belegschaft reagierte sie „nie“, wie in der Imst-Studie steht.

„Nicht in allen Fällen“ konnten die Kinder und die Mitarbeiterinnen im SOS-Kinderdorf Imst geschützt werden, gesteht die Kinderschutzorganisation in einem Antwortschreiben an den Falter ein. „Heute gelten verschärfte Melde-, Anzeige- und Aufsichtsstandards, regelmäßige Audits sowie verpflichtende Kinderschutzfortbildungen.“ Mittlerweile habe man alle Verdachtsfälle den Landesbehörden in Tirol gemeldet. Die Staatsanwaltschaft prüft ebenfalls.

Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass weder Behörden noch die Öffentlichkeit Einblick in das System Kinderdorf hatten? Ein leitender Ex-Mitarbeiter, der anonym bleiben will, spricht von einem „Vertuschungskult“, aufgebaut von Geschäftsführer Christian Moser selbst. Moser arbeitet seit 1996 in der Organisation, er leitet sie seit 17 Jahren.

In einer hochrangigen Gremiensitzung, in der Moosburg zur Sprache kam, habe Moser jegliche Informationen verweigert. Die Policy lautete: Was geschützt werden musste, war die Marke SOS-Kinderdorf.

Gerne hätte der Falter mit der Geschäftsführung gesprochen. Doch ein Interview konnte aus „organisatorischen Gründen“ (SOS-Kinderdorf) nicht stattfinden. Schriftlich ließ sie dieses Statement verschicken: „Wenn der Schutz von Kindern verletzt wird, haben wir unsere Kernaufgabe nicht erfüllt. Das Leid, das Kinder in der Betreuung von SOS-Kinderdorf erfahren haben, macht uns zutiefst betroffen.“

Die unangemessen behandelten Kinder wurden mit Entschädigungen abgespeist, Studien, die unangemessene Behandlungen aufzeigten, verräumt. Und mutmaßliche Täter einvernehmlich und mit besten Führungszeugnissen gekündigt. Sie heuerten dann in anderen pädagogischen Einrichtungen an.

Innerhalb von SOS-Kinderdorf versagten alle Sicherheitsschleifen. Der Organisation ist offenbar ein heiles Bild nach außen wichtiger als die Zustände drinnen. Doch was passierte darüber hinaus? Wo war die Kontrolle der Behörden?

Das Land Kärnten will das Kinderdorf mehrmals sorgfältig kontrolliert haben. Außerdem wurden alle Meldungen „im Zuge der fachaufsichtlichen Zuständigkeit geprüft und entsprechend bearbeitet“, heißt es auf Falter-Anfrage.

Aussagen von früheren Landesbediensteten, die sich beim Falter meldeten, zeigen, dass man viel früher hätte eingreifen können – und müssen. Das bestätigt selbst die weisungsfreie Kinder- und Jugendanwältin des Landes Kärnten, Astrid Liebhauser. Die Vorwürfe gegen die Kinderdorfmutter, sagt sie zum Falter, seien „nicht ganz unbekannt“ gewesen. Allerdings sei das SOS-Kinderdorf Moosburg ein „verschlossenes System“ gewesen. Vieles sei intern gelöst worden. Mit der jetzigen Leitung könne die Jugendanwältin hingegen „gut reden“.

Bis vor wenigen Tagen lag dem Land nicht einmal die Moosburg-Studie vor. Man habe sie „mehrmals“ beim SOS-Kinderdorf angefordert, schreibt eine Sprecherin. Jetzt lag sie im Briefkasten – vier Jahre nachdem die Forscherinnen die unangemessene Behandlung dokumentiert hatten.

Wie fahrlässig die Behörden handelten, zeigt auch der Fall P. Der Pädagoge arbeitete bis 2016 in Moosburg. Er machte Aufnahmen in ungeschütztem Zustand von den Kindern und speicherte sie auf seinem privaten Laptop, eines davon – es zeigt einen kleinen Buben mit entblößtem Penis – soll sein Desktop-Hintergrund gewesen sein. Der Dorfleiter und seine Chefs wussten davon. Doch statt den Vorfall anzuzeigen, stellten sie dem Mann ein einwandfreies Dienstzeugnis aus.

Bis heute arbeitet er bei den Kärntner Kinderfreunden, in einer Leitungsfunktion in einem Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Gesetzlicher Vertreter der Kinder ist das Land Kärnten, das spätestens seit der Moosburg-Studie vom Verhalten des Pädagogen gewusst haben muss. Dass der Mann, ein „Gefährder“, wie ihn die Studie nennt, weiter mit Kindern arbeitet, stört dort offensichtlich niemanden.

„Bezüglich der Ausstellung von Dienstzeugnissen wird zuständigkeitshalber an SOS-Kinderdorf verwiesen“, heißt es vom Land Kärnten knapp. SOS-Kinderdorf sieht Versäumnisse bei sich: „Wir sehen uns heute in der Verantwortung, aktiv mitzuwirken, dass so etwas nicht passiert.“

Eine Kinderschutzorganisation, die ihr anvertraute Kinder quält. Verantwortliche, die sich wegducken. Behörden, die sich nicht interessieren: Diese Geschichte ist eine Bankrotterklärung.

Dabei hätte das SOS-Kinderdorf nur sich selbst als Vorbild nehmen müssen. Als 2021 Fälle von unangemessenen Handlungen in internationalen Kinderdörfern bekannt wurden, setzte die Kinderschutzorganisation eine Kommission zur Aufarbeitung ein. Ihr saß Waltraud Klasnic vor, frühere ÖVP-Politikerin und erfahrene Opferschutz-Anwältin der Kirche. Der 150 Seiten dicke Bericht behandelte Fälle von unangemessenen Handlungen in Bosnien-Herzegowina, Nepal, Peru, Sri Lanka und Uganda. SOS-Kinderdorf legte ihn offen und feierte seine vermeintliche Transparenz.

Zur selben Zeit verschwanden zwei Studien in der Schublade. Diesmal ging es um Österreich: um Moosburg und Imst.

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